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Brief aus Istanbul : Wehe der Staat erkennt eine große Gefahr

  • -Aktualisiert am

Es gibt nichts, was keine Gefahr darstellen könnte: Eine Passantin mit potentiell tödlichem Päckchen in Ankara. Bild: AFP

Die Welle der Verhaftungen und Entlassungen reißt nicht ab. Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Tragödie: Zwei beispielhafte Schicksale aus der neuen paranoiden Türkei.

          3 Min.

          Was hat der 15. Juli 2016 nicht alles verändert. In Ihrem Terminkalender, lieber Leser, mag das Datum vielleicht einfach der Tag einer Sitzung oder der letzte Freitag vor Beginn des Sommerurlaubs gewesen sein. Für uns in der Türkei war der 15. Juli kein solches Datum. Viele Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben, Tausende Soldaten, Polizisten und Beamte wurden in den folgenden Tagen festgenommen, und Zehntausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes – Lehrer, Akademiker, Wächter, Reinigungskräfte – verloren über Nacht ihren Job. Sie fanden sich als Putschisten auf der Straße wieder.

          Uns wird erzählt, der Putsch sei vereitelt und die Putschisten seien aufgerieben worden. Und doch haben wir das Gefühl, dass eine andere Art von Putsch stattgefunden hat. Die Liste der Verhaftungen und Entlassungen wächst stetig an. Hinter jedem Namen, der in einem der Dekrete steht, die seit der Verhängung des Ausnahmezustandes fast wöchentlich erlassen werden, verbirgt sich eine Tragödie. Das Schicksal zweier Personen, die nun in dem Dekret vom 21. November genannt worden sind, berührt besonders.

          Terroristen in Pantoffeln

          Die 41 Jahre alte Makbule Kaymaz hat weder etwas mit dem Putsch noch mit den Putschisten zu tun, doch der Staat sieht in dieser Frau, die in einer städtischen Einrichtung im Südosten des Landes als Reinigungskraft tätig war, eine große Gefahr. Also wurde sie entlassen. Der Staat nahm Makbule Kaymaz die Arbeit, auf den Tag genau zwölf Jahre zuvor hatte er ihr schon Mann und Kind genommen. Am 21. November 2004 waren ihr Mann Ahmet, der den Lebensunterhalt der Familie als Lkw-Fahrer bestritt, und ihr zwöljähriger Sohn Ugur gerade dabei, das Fahrzeug zu entladen. Die beiden trugen Pantoffeln, denn das Fahrzeug war direkt vor dem Wohnhaus der Familie geparkt. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei nahm Vater und Sohn unter Beschuss. Den Vater trafen acht Kugeln, Sohn Ugur trafen eine mehr, als er Lebensjahre zählte. Die beiden waren sofort tot.

          Die offizielle Version lautete: „Zwei Personen, die einen terroristischen Akt vorbereiteten, wurden bei einem Schusswechsel tot gefasst.“ Welche Art von terroristischem Akt Vater und Sohn in Pantoffeln vorbereitet haben sollen, erfuhren wir nie. Die Familie strengte einen Prozess gegen die vier Polizisten an, die die tödlichen Schüsse abgegeben hatten. Mit der Begründung, sie hätten „im Rahmen ihres legitimen Rechts auf Selbstverteidigung“ gehandelt, endete er mit einem Freispruch. Das Verfahren kam vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wo der türkische Staat weiterhin darauf beharrte, dass Ahmet Kaymaz und sein Sohn Ugur, der mit dreizehn Kugeln im Leib starb, Terroristen gewesen seien, gegen die man sich mit „angemessenen Mitteln“ verteidigt habe. Straßburg fand das nicht glaubwürdig. Die Beweise seien unzureichend, die vorgelegten Gutachten widersprüchlich. Die Türkei wurde wegen „Verletzung des Rechts auf Leben“ zu einigen tausend Euro Entschädigung verurteilt.

          Man fand den Arm erst Tage später

          Makbule Kaymaz blieb mit drei Kindern zurück. Um die Familie durchzubringen, nahm sie eine Stelle als Reinigungskraft in der Kommune Kiziltepe an, die von einer kurdischen Partei regiert wird. Am Jahrestag der größten Tragödie ihres Lebens wurde sie gefeuert. In der Kommune ersetzt mittlerweile ein Zwangsverwalter den verhafteten Bürgermeister. „Zuerst nahmen sie mir meine Lieben, jetzt meinen Job“, sagte Makbule Kaymaz, nachdem sie von ihrer Entlassung erfuhr. „Nach dem Tod meines Mannes und meines Sohnes suchten wir auf den Korridoren der Gerichte Gerechtigkeit. Doch statt Gerechtigkeit bescherte der Staat mir nur noch größere Armut, noch größere Probleme. Ich hatte einen Job mit Sozialversicherung und konnte meine Kinder aufziehen, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Was soll ich jetzt tun?“ Der Polizeibeamte Yasafettin A., der ihren Sohn getötet hatte, war übrigens bei einem Gefecht mit Putschisten in der Nacht vom 15. Juli in Istanbul ums Leben gekommen.

          Eine weitere tragische Geschichte, die sich hinter einem Namen auf dem Dekret vom 21. November verbirgt, ist jene des Soziologen Veli Saçilik. Auch in ihm sah man eine Gefahr, und ähnlich wie Makbule Kaymaz verlor Saçilik nicht nur seine Arbeit. Wegen Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation hatte Saçilik einige Jahre im Gefängnis gesessen. Ende 2000 brach in der Haftanstalt, in der er einsaß, ein Aufstand los. Um in das Gebäude einzudringen und den Aufstand niederzuschlagen, riss die Gendarmerie mit Bulldozern die Gefängnismauern ein. Eine Bulldozerschaufel erwischte Saçilik in seiner Zelle und amputierte ihm einen Arm. Als man Saçilik aus den Trümmern zog, umklammerte die ihm verbliebene Hand die abgetrennte Gliedmaße. Auf dem Weg ins Krankenhaus ging der Arm jedoch verloren. Man fand ihn einige Tage später wieder, bei einer Horde hungriger Hunde auf einer Müllhalde.

          Nach einem Klinikaufenthalt saß Saçilik den Rest seiner Strafe ab. Als er freikam, setzte er trotz seines Handicaps seine Ausbildung fort, bestand die Aufnahmeprüfung für den öffentlichen Dienst und war bis zum 21. November als Soziologe im Familienministerium tätig. Der Staat, der ihm vor Jahren einen Arm genommen hatte, hat ihm nun auch noch seine Arbeit entrissen. Obendrein wurde sein Devisen-Bankkonto mit etwa 2000 Euro konfisziert. Veli Saçilik zeigte sich fassungslos, aber nicht ohne Hoffnung. In einem Interview sagte er jetzt: „Sie werden irgendwann gehen, dann kehre ich an meine Arbeitsstelle zurück. Mit meiner einzigen Hand werde ich jene, die mir das antaten, am Kragen packen.“

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