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Hochzeitswagen auf den Straßen Istanbuls Bild: Picture-Alliance

Brief aus Istanbul : Beim Kindermachen denken Sie woran?

  • -Aktualisiert am

„Denken Sie während des Aktes an Ihren geistigen Führer, um ein sittsames Kind zu bekommen“: Wie sich die Regierenden in der Türkei ins Privatleben ihrer Bevölkerung einmischen.

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          Wenn Sie hören, dass die Regierenden in der Türkei sich ins Privatleben der Bürger einmischen, in ihre Kleidung und ins Kinderkriegen, erkennen Sie daran, dass es im Land nicht zum Besten steht. Die Machthaber versuchen, die wahren Probleme vergessen zu machen und die Wähler, die ihnen davonlaufen, zurückzugewinnen, indem sie die Spaltung in der Gesellschaft vertiefen. Um ihre Stimmen zu erhöhen, die sich mittlerweile nur noch im Dreißig-Prozent-Bereich bewegen, dachten sie gar daran, in Syrien und Libyen Kriege anzuzetteln. Das erlaubte allerdings die internationale Konjunktur nicht, so ihre effektivste Waffe, der Nationalismus, nicht zum Zuge kam. Daraufhin griff der Palast zur bereits häufig erprobten „Waffe“ Privatleben. Hohe Staatsbeamte wie auch die gelenkte Presse sprangen sogleich auf diesen Zug mit auf.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Alles fing damit an, dass Erdogan ein Thema aufbrachte, das gar nicht auf der Agenda steht. Bei einer Veranstaltung für Menschen mit Handicap im Palast ließ der Staatspräsident folgende seltsame Äußerung vom Stapel: „Leider heiraten unsere jungen Leute nicht mehr in jungen Jahren. Die meisten heiraten erst über dreißig oder gar nicht. So geht das doch nicht!“ Die offiziellen Statistiken bestätigen das allerdings nicht. Es kann nicht die Rede davon sein, dass es weniger Eheschließungen gäbe, noch dass sich das Heiratsalter erhöht hätte. Das Statement des Palastes war vielmehr das Signal für das Bestreben, die Tagesordnung zu ändern. Der Kolumnist Mevlüt Tezel schlug in der Zeitung „Sabah“, die unter Leitung der Erdogan-Familie steht, gar vor, Heiratsunwillige mit einer Sondersteuer zu belegen! Eltern würden sich für den Fortbestand des Systems aufopfern, meinte er, dafür müssten Ledige zum Ausgleich einen Beitrag zahlen.

          Bülent Mumay

          Dabei wählen die jungen Leute, die nun im Fokus von Palast und der Presse in seiner Umlaufbahn stehen, die Ehelosigkeit kaum aus freien Stücken. Und wie sollen Menschen, die wegen der Wirtschaftskrise nicht das Geld zum Heiraten haben, die Ledigensteuer aufbringen? Die wenige Tage nach Erdogans Heiratsoffensive veröffentlichte Arbeitslosenstatistik machte deutlich, dass es sich bei Ehelosigkeit sicher nicht um eine Präferenz handelt, sondern um eine Folge der Wirtschaftskrise. Im Vergleich zum Vormonat stieg die Jugendarbeitslosigkeit um drei Prozent auf 25,3 Prozent. Das heißt, jeder vierte junge Mensch im Land hat keinen Job. Den jungen Leuten fehlen die Mittel zum Sattwerden, wie sollten sie heiraten und eine Familie gründen?

          Vielleicht weiß die Religionsbehörde nichts von der Krise

          Gelingt es ihnen doch irgendwie, Geld aufzutreiben und der Weisung des Staatspräsidenten zu folgen, sind sie damit noch nicht erlöst. Der Staat mischt sich weiter in ihr Privatleben ein. Jetzt springt Diyanet ein, das Amt für religiöse Angelegenheiten, das finanziell besser gestellt ist als Außenministerium und Ministerium für Energie, Industrie und Technologie. Im Anschluss an Erdogans Aufruf zum Heiraten erläuterte Diyanet-Chef Ali Erbas der Jugend, wie viele Kinder sie bekommen sollten: „Nicht unter zwei! Unbedingt mehr als zwei, also etwa drei oder vier...“ Eine Empfehlung ist leicht ausgesprochen, schwierig dagegen ist es, unter den derzeitigen ökonomischen Bedingungen Kinder zu bekommen. Kann es Zufall sein, dass in den letzten beiden Jahren, die wir in der Wirtschaftskrise stecken, die Geburtenrate gesunken ist?

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