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Brief aus Istanbul : Erdoğan will ihr die Zunge herausreißen

  • -Aktualisiert am

Wegen einer Zeile aus einem Lied

Dank Erdoğan ist die Türkei an den Rand des Islamofaschismus geschlittert. Der jüngste Report von Human Rights Watch weist aus, dass die Erdoğan-Regierung das Land in Sachen Menschenrechte um zehn Jahre zurückgeworfen und internationale Menschenrechtsverträge offen missachtet hat. Eine letzte Woche durch das Video eines fanatischen Imams ausgelöste Kampagne, die in eine erschreckende Drohung Erdoğans mündete, zeigt noch deutlicher als dieser Bericht, wohin es mit der Türkei gekommen ist.

Zunächst muss ich Ihnen Sezen Aksu vorstellen, die Édith Piaf der Türkei. Wie die Piaf „Spatz von Paris“ genannt wurde, ist Sezen Aksu der „kleine Spatz“ der Türkei. Seit ihrem Song mit diesem Titel von 1978 ist das ihr Spitzname. Sezen Aksu hat etliche Alben aufgenommen, Hunderte Lieder geschrieben und eine Reihe junger Künstlerinnen und Künstler gefördert, sie ist zweifellos eine Ikone der türkischen Popmusik. Wie aber wurde diese Frau, die einen wichtigen gemeinsamen Wert des Landes darstellt, zur Zielscheibe zunächst eines fanatischen Imams und gleich darauf des Präsidenten? Wegen einer schlichten Zeile aus einem Lied, das nicht einmal neu ist, sondern bereits von 2017 stammt.

Sie antwortete mit einem neuen Song

Ein von unseren Steuergeldern besoldeter Imam forderte in einer Freitagspredigt, das von Republikgründer Atatürk abgeschaffte Kalifat wieder einzuführen. Weil das Kalifat abgeschafft wurde, sei der Islam herrenlos geworden und so habe „ein Weibsstück von Sängerin den Propheten Adam ‚unwissend‘ nennen können“. Bei dem Lied handelt es sich um Sezen Aksus Song „Das Leben ist wunderbar“ von 2017.

Folgende Zeile aus dem Lied, in dem der „kleine Spatz“ davon singt, wie man das Leben genießt, brachte den Imam zur Weißglut: „Wir sind unterwegs in die Apokalypse / Grüßt mir die unwissenden / Eva und Adam.“ Spricht ein Imam, schweigt auch die Religionsbehörde Diyanet nicht, der er unterstellt ist. Von dort kam die Verlautbarung, Aksu habe, „gelinde gesagt, die Religion gelästert“. Dann ging es gleich einer Laufmasche weiter. Eine Gruppe Fanatiker baute sich vor Sezen Aksus Haus in Istanbul auf. Nach der Drohung, „Wir sind gekommen, um die kleine Unwissende zurechtzuweisen“, zog der Mob ab. RTÜK, die staatliche Behörde für die Kontrolle, besser gesagt, die Zensur von Rundfunk und Fernsehen, rief bei allen TV-Kanälen einzeln an und verlangte, dieses Lied von Sezen Aksu nicht mehr zu senden, andernfalls drohten scharfe Sanktionen.

Der erschreckendste Ausfall kam von Staatschef Erdoğan persönlich. Nach dem Freitagsgebet ergriff er in der Moschee das Mikrofon und drohte Sezen Aksu damit, ihr „die Zunge herauszureißen“: „Niemand darf unseren Propheten Adam beleidigen. Tut das doch jemand, ist es unsere Pflicht, ihm gegebenenfalls die Zunge herauszureißen. Niemand darf unsere Mutter Eva beleidigen. Es ist unsere Pflicht, auch solche zurechtzuweisen.“ Die Hasskampagne, die ein fanatischer Imam lostrat, mutierte zu einer Drohung des Präsidenten. Eine Gruppe AKPler machte sich Erdoğans Si­gnal zu eigen, zog zum Gericht, um Anzeige gegen Sezen Aksu zu erstatten, und drohte, ohne den Namen der Künstlerin zu nennen: „Wir werden ihre Zungen abschneiden, wir zermalmen ihre Köpfe.“

Die zur Zielscheibe gemachte 67 Jahre alte Sängerin antwortete mit einem neuen Song: „Der Jäger“. Darin heißt es: „Ich bin die Beute, du bist der Jäger / Drück nur ab / Du kannst mich nicht empfinden / Kannst meine Zunge nicht zerquetschen / Wer ist der Reisende und wer der Herbergswirt / Warten wir es ab / Du kannst mich nicht umbringen / Ich habe meine Stimme, meine Saz, meine Worte / Mit Ich meine ich, ich bin alle.“ Sie, der kleine Spatz, ist tatsächlich alle, wir alle. Einst entgegnete de Gaulle jenen, die Sartres Festnahme forderten: „Sartre ist Frankreich.“ Ebenso ist Sezen Aksu die Türkei.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Nachtrag: An einer Stelle des Textes fand sich statt „Imam“ die Vokabel „Islam“, wir haben den Fehler, für den wir uns entschuldigen, korrigiert.

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