https://www.faz.net/-gqz-9p3uv

Brief aus Istanbul : Sie werden in den Bus gezerrt und sind weg

  • -Aktualisiert am

Diese Verhaftung blieb nicht verborgen: Am 1. Mai dieses Jahres kamen im Istanbuler Stadtteil Besiktas Menschen zu einer Demonstration zum Tag der Arbeit zusammen. Sie wollten zum Taksim-Platz, viele wurden, wie auf unserem Bild zu sehen, von der Polizei festgenommen. Bild: AP

Seit dem Putschversuch vor drei Jahren gab es in der Türkei eine halbe Million Festnahmen. Zudem verschwinden Menschen, die als Gülenisten verdächtigt werden, einfach so. Reden will darüber niemand.

          Der Streit, der zwischen Erdogan und den Gülenisten entbrannte, nachdem sie jahrelang gemeinsam die Türkei regiert hatten, endete blutig. Als sie erkannten, dass sie auch aus der Armee herausgeholt werden sollten, schritten die Gülenisten zur Tat und griffen am Abend des 15. Juli 2016 mit Panzern und Kampfjets nach der Macht. Gülenistische Soldaten schossen auf das Volk, das sich dem Putsch entgegenstellte, bombardierten das Parlament und forderten einen hohen Blutzoll vom Land. Bei dem Coup kamen 251 Menschen um Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. Dass im Anschluss Rechenschaft für die Nacht des Verrats gefordert wurde, verstand sich von selbst. Doch die zur Bestrafung der Putschisten eingeleitete Operation eskalierte. Sie wurde zur Säuberung sämtlicher Kreise, die in Opposition zu Erdogan stehen. 2700 Organisationen wurden geschlossen, 204 Medien verboten, 125.000 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst entlassen, mehr als sechstausend Wissenschaftler der Universität verwiesen. Rund einer Viertelmillion Menschen wurde der Reisepass entzogen, es gab eine halbe Million Festnahmen, gegen etwa 30.000 Festgenommene wurde Haftbefehl erlassen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
          Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

          Bei diesen Zahlen handelt es sich um die offizielle Bilanz. Allerdings gibt es darüber hinaus unterschlagene, bittere Tatsachen. Wir erleben in der Türkei wieder Fälle wie in den Neunzigern, nur mag kaum jemand darüber reden. Menschen, die bekanntermaßen der Gülen-Bewegung nahestehen, werden im Zuge der Putsch-Ermittlungen „irregulär“ festgenommen. Das heißt, sie werden am helllichten Tag in Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben entführt. Genau wie in „Junta“, dem argentinischen Film über die Folter der Militärdiktatur: Man holt die Leute aus dem Haus oder aus ihrem Auto und bringt sie an einen geheimen Ort wie jenen, der im Film die „Olympic Garage“ genannt wird. Seit Februar sind sechs Männer spurlos verschwunden. Einige entführte man vor den Augen öffentlicher Überwachungskameras, anderen schnitt man auf der Autobahn den Weg ab. Die Verschleppten sind weder bei der Polizei noch bei Gerichten registriert.

          Bülent Mumay

          Geschichten des Verschwindenlassens gehören zur Geschichte des Anti-Terror-Kampfes in der Türkei. Gewisse Einheiten des Staates haben schon immer illegale Operationen gegen Menschen durchgeführt, mit denen sie auf dem Rechtsweg nicht zu Rande kamen. Gedacht wird dieser Fälle anhand der Namen der bei den Operationen benutzten Autos. Zuletzt wurden in den Neunzigern im Kampf gegen die PKK im Südosten der Türkei Menschen in weißen Renaults verschleppt. Kaum hat man je erlebt, dass jemand aus dem Wagen, in den er gezerrt worden war, wieder ausstieg. Wer mit einem der weißen Renaults der Zivilpolizei in Gewahrsam genommen wurde, kam entweder später nach schwerer Folter wieder frei, oder man fand seine Leiche in einem Gefechtsgebiet. Die Knochen einiger Verschleppter fanden sich in Jahre später entdeckten Säurebrunnen. Die weißen Renaults wurden nach der Jahrtausendwende durch Ford Ranger ersetzt. Nun wurden diese Geländewagen zur „irregulären“ Festnahme von Menschen im Südosten verwendet, denen man vorwarf, die PKK unterstützt zu haben.

          Weitere Themen

          Türkiye demokrasisinin üvey evlatları: Kürtler

          İstanbul’dan mektuplar : Türkiye demokrasisinin üvey evlatları: Kürtler

          Ankara, daha seçilmelerinin üzerinden 5 ay bile geçmeden HDP’li 3 belediyeye neden kayyum atadı? Erdoğan, muhalefetin milliyetçi oylarını almak ve Kürtleri sandığa küstürerek muhalefet blokundan koparmak istiyor. Nihai hedef ise İstanbul seçimleriyle birlikte karşısında oluşan muhalefet blokunu, 2023 Saray seçimlerinden önce parçalamak.

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.