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Brief aus Istanbul : Sie werden in den Bus gezerrt und sind weg

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Ein weiterer wichtiger Grund für das Schweigen

Nach dem Umsturzversuch 2016 wichen die Ford Ranger dann VW-Bussen mit verdunkelten Scheiben. Nun wurden wegen angeblicher Verbindungen zum Coup vom 15. Juli illegal in Gewahrsam Genommene in VW-Transporter gezerrt. Mit ihnen wurden vor gut vier Monaten Salim Zeybek, Erkan Irmak, Yasin Ugan, Özgür Kaya, Mustafa Yilmaz und Gökhan Türkmen verschleppt. Die Familien gingen von gewöhnlichen Festnahmen aus und wandten sich an die zuständigen staatlichen Stellen, um den Stand der Ermittlungen in Erfahrung zu bringen. Dort aber fanden sie keinerlei Spuren ihrer Angehörigen. Weder das Innen- noch das Justizministerium hat die Festnahme der Männer zugegeben. Die Angehörigen gingen bis vor das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, konnten jedoch nichts erreichen.

Außer einer Handvoll kleiner Zeitungen und ein, zwei oppositionellen Abgeordneten hörte niemand den Aufschrei der Angehörigen der Verschleppten oder, besser gesagt, wollte ihn niemand hören. Hinter dem „Schweigen“ stecken mehrere Gründe. Zum einen hassen Erdogan-Anhänger im wahrsten Sinne des Wortes die Gülenisten, die putschten, um ihre eigene Regierung zu stürzen. Darum würden sie kaum bei irgendeiner Dimension illegaler Operationen gegen Gülenisten protestieren. Doch auch aus Kreisen, die in Menschenrechtsdingen sensibler sind, kommt bis auf einige schwache Reaktionen kaum Protest. Von ihnen wäre bei Fällen von Misshandlungen oder illegalen Festnahmen stärkerer Protest zu erwarten, doch gegenüber den Gülenisten hegen sie alte Verbitterung. Denn es waren die auf Menschenrechte bedachten, von der westlichen Demokratie überzeugten Kreise in der Türkei, die unter der Gülen-Erdogan-Koalition am stärksten zu leiden hatten. Von Gülenisten gelenkte Polizei- und Justizkader stellten damals mit das größte Hindernis für demokratische Kräfte in der Türkei dar. Gülenistische Kader hatten mit Verschwörungen die laizistische Armee zu eliminieren versucht und mit Operationen gegen die PKK und ihre neue Organisationsform KCK kurdische Politiker hinter Gitter gebracht. So mag man heute aufgrund der aufgestauten Wut die Hilferufe der Angehörigen von Gülenisten nicht recht hören.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund für das Schweigen zu den illegalen Festnahmen: Seit dem 15. Juli 2016 wurde jede Kritik an der Regierung hart bestraft. Im heutigen Klima der Angst will niemand für die Gülenisten eintreten. Wer Menschenrechtsverletzungen bei der Bekämpfung des Putsches ansprechen will, fürchtet, wegen Unterstützung der Gülen-Organisation selbst in Gewahrsam genommen zu werden. Wie auch nicht? Der Journalist Hikmet Çetinkaya etwa, Verfasser mehrerer Bücher über die Infiltration des Staates durch Fethullah Gülen und seine Anhänger, wurde wegen angeblicher Unterstützung der Putschisten zu sechs Jahren Haft verurteilt. Oder Musa Kart, der zahllose Karikaturen über Gülens Infiltrierung der Armee gezeichnet hatte – er sitzt jetzt in einer Gefängniszelle. Der Politiker dagegen, der sagte: „Ich habe Gülen gegeben, was er verlangt hat“, regiert die Türkei, seit mittlerweile siebzehn Jahren.

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