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Brief aus Istanbul : Eine Ausrede wie aus dem Kindermund

  • -Aktualisiert am

Im Mai 2014 rastete Yusuf Yerkel, damals noch ein Berater Erdogans, gegenüber einem Demonstranten aus. Bild: twitter.com/Retardogan

Das Minenunglück von Soma, der Abschuss eines russischen Kampfjets: Gleichgültig, um welchen Skandal oder um welches Verbrechen es gerade in der Türkei geht, der Schuldige ist nun immer die Fethullah-Gülen-Organisation.

          Liebe deutsche Leser, uns Türken sind Putsche nicht fremd. Seit der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 gilt: Wer in seinem Leben nicht mindestens einen erfolgreichen oder wenigstens versuchten Staatsstreich miterlebt hat, gehört nicht dazu. Nun gut, auch vor Gründung der modernen Türkei waren die Zeiten äußerst unruhig bei uns. Wir stammen von Sultanen ab, die in ihrem eigenen „Game of Thrones“ um der Macht willen ihre eigenen Brüder erdrosseln ließen. Was am 15. Juli geschah, war jedoch die bisher dunkelste Nacht in diesem Jahrtausend. Hoffen wir, dass sie sich nicht wiederholt.

          Auch dafür sind Film und Kino da: um Erinnerungen lebendig zu halten, um nachfolgenden Generationen von erlittenem Unrecht zu erzählen, damit Ähnliches nicht abermals geschieht. Unsere Geschichte hat dem türkischen Kino schon reichlich Material geliefert. Die Schicksale gefolterter Menschen stehen den Traumata der Weltkriege in nichts nach, und so ist der Putsch vom 12. September 1980 schon in zahlreichen Filmen thematisiert worden.

          Staatsfeind Nummer eins

          Einer der stärksten und erfolgreichsten davon ist zweifellos „Lasst den Drachen fliegen“ („Uçurtmayi Vurmasinlar“) aus dem Jahr 1989 von Tunç Basaran. Der Film erzählt das Ereignis aus der Perspektive des kleinen Baris, der bei seiner Mutter im Gefängnis aufwächst, da es draußen niemanden gibt, der sich um ihn kümmern könnte. In einer Szene bekommt Baris von den „Tanten“ in der Frauenzelle Schelte, da er nachts ins Bett gemacht hat. „Ich war das nicht, das war Micky“, verteidigt der Junge sich – Micky ist sein Pimmel. Der Film-Satz wurde in der Türkei zu einem geflügelten Wort: Man deutet damit an, dass jemand die eigene Verantwortung anderen aufhalsen will.

          Liebe Leser, selbstverständlich trägt nicht Baris’ „Micky“ die Verantwortung für all das, was in letzter Zeit in der Türkei geschehen ist. Unser Land hat vielmehr einen neuen „Micky“ ausgemacht: FETO, die „Fethullah-Terror-Organisation“. Als die inoffizielle Kooperation mit der Gülen-Bewegung vor wenigen Jahren zerbrach, sagte Erdogan: „Was haben sie gefordert, das wir ihnen nicht gegeben hätten?“ Mittlerweile hat er sie zum Staatsfeind Nummer eins erklärt.

          Das dreht einem den Magen um

          Die Gülen-Bewegung nutzte das Klima, das der Putsch von 1980 schuf und sickerte in den Staatsapparat ein. Sie gedieh in gutem Einvernehmen mit sämtlichen Regierungen, ihren größten Wachstumsschub machte sie allerdings unter der AKP. Der Schmutz, der nach dem Bruch zum Vorschein kam, war so gewaltig, dass er nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden konnte. Man warf einander Korruption vor und der Gülen-Seite, einen parallelen Staat aufgebaut zu haben. Es war ein erbarmungsloses Kräftemessen, bei dem schließlich der Gülen-Bewegung das Handgelenk eingeknickt ist.

          Ganz gleich, was gerade in der Türkei geschieht, ganz egal, welcher Schmutz dort gerade zum Vorschein kommt – der „übliche Verdächtige“, um es in Anlehnung an den wunderbaren Film „Die üblichen Verdächtigen“ zu sagen, ist automatisch FETO. Sicherlich, ihr Fingerabdruck findet sich tatsächlich bei zahlreichen Skandalen der jüngeren türkischen Vergangenheit, angefangen von Prüfungsfragen, die an Militärakademien entwendet und dann an die eigenen Anhänger verteilt wurden, bis hin zu Verschwörungsprozessen, die nur dazu dienten, kemalistische Offiziere auszuschalten.

          Im Augenblick aber wird FETO, ähnlich wie der „Micky“ im Film, als Ausrede genutzt. Dass der kleine Baris „Micky“ vorschob, dürfte seiner kindlichen Naivität geschuldet gewesen sein. Die Unverfrorenheit aber, mit der manch einer sich nun hinter FETO verschanzt, dreht einem den Magen um.

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