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Brief aus Istanbul : Faschistisch sind natürlich nur die anderen

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Einen Monat vor dem Referendum wird deshalb viel getan, um die Leute noch auf Linie zu bringen. MHP-Abgeordnete, die angekündigt haben, ihr Kreuzchen bei „Nein“ zu machen, sind aus der Partei ausgeschlossen worden. Säle, in denen sie „Nein“-Kundgebungen abhielten, wurden von Gangs gestürmt, die den Wolfsgruß zeigten. Ein Abgeordneter, der sich zum „Nein“ bekannte, wurde während seiner Rede auf der Bühne attackiert. Bahçeli hat angedeutet, der Angriff sei nicht von eigenen Leuten ausgeübt worden. Ein „Idealist“ – so werden MHP-Anhänger genannt – vollende, was er angefangen habe, sagte der Chef der MHP.

Er hat damit nicht unrecht. Es fällt auf, das bei besagtem Angriff das Rednerpult zwar umgestürzt wurde, der Abgeordnete aber nicht einmal eine blutige Nase bekam. Auch bei dem Überfall auf einen Verlag, der eine Bahçeli-kritische Schrift herausgebracht hat, ist niemand ums Leben gekommen. In der Vergangenheit gab es indes zahlreiche Vorfälle, die „vollendet“ worden sind. Bewaffnete Attacken der MHP-Jugendorganisation kosteten in den achtziger Jahren zahlreiche Menschen das Leben.

Wenn ihr nein sagt, kommt das Chaos

Auch die AKP sieht sich zum Handeln gezwungen. Die Drohung von Erdogan-Berater Ilnur Cevik ist offenbar verpufft, der sagte: „Wenn ihr nein sagt, kommt das Chaos.“ Auch das Brandmarken von „Nein“-Befürwortern als Terrorunterstützer fruchtet kaum noch. Also richtet sich der Blick nach Europa. Die Spannungen mit Deutschland und den Niederlanden um die Verbote von Ministerauftritten nutzen beide Parteien, um Stimmen zu generieren. Die nationalistische Welle, die man auf dem „Feind Europa“ aufgebaut hat, zeigt Wirkung – zur Freude der AKP. Der EU-Minister Çelik meinte: „Was in den Niederlanden passiert ist, hat bei Unentschlossenen für Klarheit gesorgt.“ Der stellvertretende Ministerpräsident Kurtulmus sagte: „Europa wird über Jahrhunderte die Schande eines neuen Rassismus erleben. Am Ende gewinnen wir dabei.“ Und der AKP-Abgeordnete Kocabiyik dankte im Fernsehen sogar Deutschland und den Niederlanden: „Sie haben die Ja-stimmen um mindestens zwei Prozent erhöht.“ Natürlich will sich der MHP-Chef Bahçeli den Nationalismus nicht ganz aus den Händen nehmen lassen. Er sagte: „Wenn die Türkei brodelt, brennt Berlin.“

Das ist doch hier nicht die Türkei! Polizeibeamte sichern die Zufahrt zum türkischen Konsulat in Rotterdam.

Die AKP scheint entschlossen, die Aufregung über die Absage der Ministerauftritte am Köcheln zu halten. In den vergangenen Tagen gab es in der Türkei Demonstrationen junger AKP-Anhänger. Auf ihren Transparenten war „Faschistisches Holland“ zu lesen, außerdem hielten sie Orangen in den Händen – wegen ihrer Farbe mussten die Früchte als Symbol für die Niederlande herhalten. Die Orangen wurden mit Messern aufgeschlitzt und aus Protest gegen das „faschistische Europa“ gemeinschaftlich ausgepresst. Leider sind nicht alle Aktionen so unblutiger Natur. Ein Lokalpolitiker hat gesagt, er werde aus Protest gegen die Niederlande seine Kuh schlachten.

Dank der deutschen und niederländischen Absagen hat die Türkei, die Oppositionelle und kritischen Journalisten ins Gefängnis steckt, also das Wort „Faschismus“ für sich entdeckt. Da es sich bei der Türkei um eine „fortgeschrittene Demokratie“ handelt, hat dieser Begriff natürlich nichts mit uns selbst zu tun. Der Dialog zweier türkischer Demonstranten beim Polizeieinsatz in Rotterdam, den ein Filmteam der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu festgehalten hat, ist dennoch höchst aufschlussreich: Einer der jungen Männer ruft den Polizisten entgegen: „Schieß, erschieß mich doch!“ Sein Freund versucht zu beschwichtigen: „Sei still, Bruder, sonst sperren die uns noch ein.“ Darauf der andere: „Ach Quatsch, das ist doch hier nicht die Türkei!“

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