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Brief aus Istanbul : Bei uns herrscht Rache statt Recht

  • -Aktualisiert am

Für ihn gibt es Gülen-Anhänger, soweit das Auge reicht: der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bild: AFP

Rund 32.000 Menschen hat Erdogan ins Gefängnis werfen lassen. In der Türkei regt sich dagegen fast kein Widerstand. Das hat seine traurigen Gründe.

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          „Das Leben prüft uns in vier Rechenarten: Es multipliziert mit Realitäten, dividiert durch Trennungen, subtrahiert von der Menschheit und sagt am Schluss, nun addier dich mal schön selbst.“ So lautete Tolstois Antwort auf die Frage, wie man das Leben abrechne. In der Tat sind es unsere Antworten auf die Aufgaben in der Mathematik des Lebens, die uns zu dem machen, was wir sind. Doch fiele unsere Endnote nicht viel besser aus, wenn wir manchmal gemeinsam vorgehen würden, statt die Aufgabe allein zu lösen? Ich wünschte mir, in unserem Land wäre Solidarität das, was unsere Note verbessert.

          Seit dem Putschversuch haben wir fast surrealistisch anmutende Operationen der Abrechnung erlebt. Wir mussten erfahren, dass manche sich regelrecht über das Leid anderer freuen. Unter dem Vorwand, Putschisten zu bekämpfen, erfolgten Repressionen zur Einschüchterung der Opposition. Ein kollektiver Aufstand dagegen blieb aus. Oftmals beließ man es nicht beim Schweigen über Unrechtstaten. Das Wort „Schadenfreude“ gibt es im Türkischen nicht. Doch nicht wenige meinten, den Opfern geschehe es ganz recht.

          Nicht enden wollender Revanchismus

          Wir leben im Paradies eines nicht enden wollenden Revanchismus. Das Hin und Her gilt nicht allein für politische Parteien und deren Anhänger, auch Journalisten, Schriftsteller, Intellektuellen sind davon betroffen. Das war zwar schon vor dem Putschversuch so, doch Fälle, bei denen Feindseligkeiten von gestern in Applaus für die Repressionen von heute umgemünzt werden, haben zugenommen.

          Zu den 130 Journalisten, die inhaftiert worden sind, kommen täglich weitere hinzu. Es gibt Solidaritätsbekundungen einiger weniger Journalisten und Intellektueller, aber es gibt es keinen kollektiven Aufschrei. Die Unterstützung aus dem Ausland, insbesondere jene für die Brüder Ahmet und Mehmet Altan, die wegen angeblicher „subliminaler Putschbotschaften“ verhaftet worden sind, überstieg die innertürkischen Reaktionen bei weitem. Und das Schweigen betrifft nicht allein die Altan-Brüder. Auch der Protest gegen die Verhaftung von Mitarbeitern der Gülen-Medien blieb schwach. Warum?

          Als Gülen und die AKP sich noch einig waren

          Blickt man in die Zeit zurück, in der Gülenisten und die AKP sich brüderlich die Macht teilten, dann erscheinen vielen die Altan-Brüder und andere Journalisten als nicht gänzlich unbescholten. Es ist erst drei Jahre her, da stellte Erdogan sich mit den Worten: „In diesen Prozessen bin ich der Staatsanwalt!“ hinter Operationen, die Gülen-Anhänger im Polizei- und Justizapparat fingiert hatten. Als damals Journalisten verhaftet wurden, titelte die Zeitung „Taraf“, die Ahmet Altan leitete: „Sie wurden nicht wegen Journalismus verhaftet“ und applaudierte dem Staatsanwalt. Der Aufmacher in der Zeitung „Zaman“, die mit einer Auflage von einer Million die größte Zeitung der Gülen-Medien war, schlug in dieselbe Kerbe: „Soll das etwa Journalismus sein?“

          Ahmet Altan freute sich, als Erdogan vor einigen Jahren seinem Vater Çetin Altan einen Literaturpreis verlieh: „Ich gestehe, ich bin sehr gerührt“, teilte er mit. „Es ist ein großer Schritt von Premierministern, die Schriftsteller lynchen und ins Gefängnis werfen ließen, zu einem Premier, der Schriftsteller achtet.“ Als die AKP von 2008 an für ihre zunehmend totalitäre Haltung kritisiert wurde, sagte Mehmet Altan: „Die Türkei erlebte dank der AKP eine beachtliche Wende. Die AKP hat die kemalistische Republik demokratisiert. Die Türkei demokratisiert sich rasant. Die kemalistische Ideologie will das nicht wahrhaben. Ich habe mich nicht unüberlegt für die AKP eingesetzt, meine Unterstützung galt dem Willen, die Türkei zu transformieren, mir fällt nicht ein, den Status quo zu verteidigen.“

          32 000 Menschen hat Erdogan ins Gefängnis werfen lassen. Ahmet Altan ist einer von ihnen.
          32 000 Menschen hat Erdogan ins Gefängnis werfen lassen. Ahmet Altan ist einer von ihnen. : Bild: dpa

          Solche Beispiele sind heute ein Hemmschuh für die Solidarität. Es ist eine giftige Spirale. Was bringt es, heimliche Genugtuung zu empfinden, wenn jene, deren Auffassung uns nicht gefällt, hinter Gitter gebracht werden? Dient es dem demokratischen Bewusstsein, wenn Tag für Tag neues Material über diese Personen aus Archiven ausgegraben und nach dem Motto „Geschieht ihnen recht“ präsentiert wird? In der Regel handelt es sich um Informationen, die nicht das Geringste mit den Gründen für die Inhaftierung zu tun haben.

          Wir sind ein Land, das ein Händchen dafür hat, jedem sein Quentchen Opfersein zuzuteilen. Sollten wir uns nicht besser Recht und Rechtsstaatlichkeit auf die Fahnen schreiben? Ganz offensichtlich fallen wir bei der von Tolstoi postulierten Abrechnung durch. Doch hinterfragen die Worte des Schriftstellers neben unserem Demokratieverständnis nicht zugleich unser Menschsein? „Empfindet ein Mensch Schmerz, ist er ein lebendiges Wesen. Empfindet er den Schmerz eines anderen, ist er ein Mensch!“

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