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Brief aus Istanbul : Das freie Wort ersäuft im Dollar-Grün

  • -Aktualisiert am

Kurz nach dem Putschversuch: Zeitungskiosk in Istanbul am 17. Juli 2016 Bild: Picture-Alliance

Die türkische Wirtschaftskrise schlägt auf die Meinungs- und Pressefreiheit durch: Papier wird nämlich knapp. Zahlreiche Zeitungs- und Buchverlage sind vom Bankrott bedroht.

          Sicher sind Sie im Bilde über die finanziellen Schwierigkeiten, welche die Türkei dank Erdogans verquerer Wirtschaftspolitik derzeit durchmacht, und haben nicht nur in den Briefen davon gelesen, die ich aus Istanbul schicke, sondern auch auf einem Infoportal, in einer Zeitschrift, beim Zappen im Fernsehen in einer Nachrichtensendung oder beim Plaudern mit Freunden davon gehört. Ebenso haben Sie zweifellos mitbekommen, dass Erdogan für sich einen Winterpalast mit eintausend und einen Sommerpalast mit dreihundert Zimmern erbauen ließ, den Bürgern seines Landes aber zu sparen empfiehlt.

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          Sie kennen auch die Haltung Erdogans zur freien Presse in der Türkei. Ihnen ist nicht neu, dass Dutzende Zeitungen, Radio- und Fernsehsender geschlossen und zahlreiche Journalisten hinter Gitter gebracht wurden. Ebenso ist Ihnen geläufig, wie Erdogan die Besitzverhältnisse bei den großen Mediengruppen veränderte und Bauunternehmer, die er mit der Vergabe staatlicher Ausschreibungen reich gemacht hatte, nötigte, Zeitungen und Fernsehsender zu kaufen, um sich deren Unterstützung zu sichern. Auch wissen Sie, dass es Journalisten gibt, die im Exil leben müssen, weil ihre Pässe ungültig gemacht wurden oder ihnen Haft droht. Damit habe ich zwei Themenkreise angesprochen, die Sie kennen. Es gibt allerdings etwas, das Sie nicht wissen: Die von Erdogan ausgelöste Wirtschaftskrise ist drauf und dran, die freie Presse, die wiederum aufgrund seiner Repressalien ohnehin rar geworden war wie „endemische“ Pflanzen, vollends auszulöschen. Unabhängige Zeitungen und Verlage kämpfen ums Überleben, da die Wirtschaft sich einzig auf die Baubranche stützt, praktisch in keinem anderen Sektor Produktivität vorsieht und statt auf Produktion auf den Konsum von Importwaren setzt.

          Bülent Mumay

          Die freie Meinung, von Repression, Unterdrückung und Gefängnis in die Mangel genommen, ersäuft jetzt im Dollar-Grün. Gleich erläutere ich, worum es hier geht. Doch um Ihnen das Bild vollständig zu liefern, muss ich kurz zusammenfassen, was seit dem Regierungsantritt der AKP 2002 geschah. Erdogan übernahm das Privatisierungsprogramm der Vorgängerregierung eins zu eins, damit schloss er auch die Papierfabriken, die zu den ersten industriellen Einrichtungen der modernen Türkei gehörten. Die Begründung lautete: Die der Seka (Türkische Zellulose und Papierfabriken AG) angegliederten Fabriken würden Verluste machen. Statt die Anlagen zu modernisieren und profitabel für die Wirtschaft zu machen, wurde die 1934 in Izmit gegründete, einzige Fabrik für Papier von der Qualität, wie sie in der Türkei für Zeitungen und Buchdruck verwendet wird, 2005 geschlossen. Fünftausend Mitarbeiter landeten auf der Straße; alle, die auf Papier angewiesen sind, wurden von Importen abhängig.

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          Solange heißes Geld in die türkische Wirtschaft floss, war es für Presse- und Verlagswesen nicht so schwierig, mit Importpapier zu arbeiten. Damals waren die Wirtschaftsindikatoren noch intakt, die türkische Lira sackte gegenüber dem Dollar nicht dramatisch ab. Damals bekamen auch Erdogan nicht genehme Zeitungen Anzeigen, und bei Geschäftsleuten, die sie mit Reklame versorgten, standen nicht kurz darauf Steuerbeamte vor der Tür. So konnten die Verleger dank der Werbung und dank des Einkommens aus dem Verkaufserlös mit den an den Dollar gebundenen Papierpreisen leben.

          Bald wird es an ein Wunder grenzen

          Diese schönen Tage sind allerdings vorbei. Zunächst wurde der oppositionellen Presse der Hahn für Werbeeinnahmen zugedreht. „Notgedrungen“ begannen Privatwirtschaft und staatliche Unternehmen, nur noch Erdogan-nahe Medien zu finanzieren. Nun waren Zeitungen, die sich allein mit dem Verkaufserlös über Wasser halten mussten, gezwungen, ihre Produkte zu verteuern, wodurch der Absatz zurückging. Verkauften sie aber weniger, verloren sie an Einfluss. Der Todesstoß kam, als die türkische Lira gegenüber dem Dollar in der jüngsten Wirtschaftskrise in nur acht Monaten beinahe vierzig Prozent an Wert verlor. Zahlreiche Zeitungs- und Buchverlage, die ihre Umsatzerlöse in Lira erzielen, für Importpapier aber in Dollar bezahlen müssen, sind vom Bankrott bedroht. Und, als reichte Erdogans Repressionspolitik nicht aus, sind sie nun auch noch kurz davor, in dem von ihm angerührten Wirtschaftsstrudel unterzugehen. Die Strategie vieler Zeitungen geht dahin, die Auflagen noch weiter herunterzufahren, um den durch den Papiereinkauf erlittenen Schaden zu verringern. Eine kleinere Zeitung etwa stellte ihr Erscheinen über die langen Opferfest-Ferien vorübergehend ganz ein.

          Der Wechselkursschock trifft nicht bloß die Presse, er gefährdet auch den Buchdruck, der zu den wichtigsten Instrumenten der Meinungsvielfalt in der Türkei gehört. Verlage, die dieselbe Papierqualität wie die Zeitungen benutzen, reduzieren die Anzahl der in den Jahresprogrammen ursprünglich vorgesehenen Bücher. Die Profitmargen von Büchern mit geringer Auflage, die hauptsächlich von Intellektuellen gelesen werden, waren ohnehin gering. Bei der Wirtschaftskrise wird es bald an ein Wunder grenzen, Bücher dieser Art auf Türkisch lesen zu können. Verlage, die ausländischen Autoren Vergütungen in Dollar zahlen, könnten sich aufgrund der Bindung der Papierpreise an den Devisenkurs gezwungen sehen, sogar auf Bestseller zu verzichten.

          Diesen Brief will ich mit einer persönlichen Notiz schließen: Meine Generation wuchs in dem Stolz auf, dass die Türkei eines von sieben autarken Ländern auf der Welt sei, wie es in den Lehrbüchern hieß. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Information nach wie vor im Erdkundebuch steht. Wir waren jedenfalls einmal stolz darauf, von eigenen Ressourcen leben zu können. Unser Brot wie auch unser Papier stellten wir selbst her. Heute leben wir in einer kargen Weltgegend, die sogar Weizen importiert. Zweihundert Jahre vor Christus erfanden die Chinesen das Papier. Wir aber sind die Kinder einer Nation, die das Papier im 21. Jahrhundert nach Christus verloren hat.

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