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Brief aus Istanbul : Die Palastpresse dreht durch

  • -Aktualisiert am

Erdogan in seinem Präsidentenpalast in Ankara Bild: dpa

Erdogan hat seine Wahlniederlage in einigen Städten eingestanden. Die ihm hörige Presse jedoch nicht. Die Medienzaren fürchten, dass ihre krummen Geschäfte auffliegen – und betreiben Desinformation.

          Der Tausend-Zimmer-Palast, den Erdogan vor ein paar Jahren in Ankara bauen ließ, war nicht der erste in diesem Land errichtete Prachtbau. In der 1923 gegründeten modernen Republik aber, die Erdogan zurzeit als Präsident regiert, gab es keine Palastbau-Tradition. Mustafa Kemal Atatürk und seine Mitstreiter hatten eine ungeheure Schuldenlast von einem zusammengebrochenen Reich geerbt, ihnen ging es darum, im armen Anatolien die Fundamente für eine gesunde Wirtschaft zu legen. Die Osmanen dagegen, die der Republik Millionen Lira Schulden hinterließen, gaben vor allem in der Phase des Niedergangs noch ihr letztes Geld für Paläste aus. Um seine alte Pracht aufrechtzuerhalten, nahm das kollabierende Reich im 19. Jahrhundert Schulden in Europa auf und stellte neue Paläste in alle Ecken von Istanbul. „Am Renommee spart man nicht“, sagt Erdogan, Ziel seiner Ahnen war es, mit teuren Bauten den absehbaren Zusammenbruch zu verschleiern.

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          Einer der letzten von den Osmanen errichteten Prachtbauten war der 1871 fertiggestellte Çiragan-Palast am Bosporusufer. Dafür waren Baumaterialien wie seltener Marmor und Perlmutt aus der ganzen Welt beschafft worden. Sein Glanz blendete auch die Besucher. Kaiser Wilhelm II. zeigte sich von den Türen aus massivem Gold beeindruckt. Daraufhin machte Sultan Abdulhamid II. dem deutschen Herrscher einen der Türflügel zum Geschenk. Das Ende des Çiragan-Palasts, von dem eine Tür nun im Museum in Berlin zu sehen ist, unterschied sich nicht von dem der Osmanen. Erst wurde er zweckentfremdet, später verfiel das verlassene Gebäude vollständig. Ein paar Mauern standen noch, als es nach beinahe einem Jahrhundert restauriert und in ein Hotel umgewidmet wurde. Heutzutage richtet dort der Jetset gern Hochzeiten aus.

          Bülent Mumay

          Vor ein paar Wochen starteten im bosporusseitigen Garten des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes mysteriöse Bauarbeiten. Einige Tage später stellte sich heraus, was es damit auf sich hat. Der Prachtbau wurde für die Hochzeit zweier Oligarchenfamilien hergerichtet, deren Vermögen Erdogan vervielfacht hatte. Yildirim Demirören, den Erdogan mit 700-Millionen-Dollar-Kredit von einer staatlichen Bank zum Kauf einer Mediengruppe genötigt hatte, verheiratete seine Tochter mit dem Sohn von Hasan Kalyoncu, den Erdogan durch Ausschreibungen reich gemacht hatte und ebenfalls eine Mediengruppe übernehmen ließ.

          Die Hochzeit, bei der Erdogan und seine Ehefrau als „natürliche“ Trauzeugen fungierten, hat nicht nur zwei junge Leute vereint. Es war auch nicht allein die Hochzeit zweier Gruppen, die 95 Prozent der Medien in der Türkei repräsentieren. Im Çiragan-Palast fand die Vereinigung der türkischen Bourgeoisie, die ihr Geld vermehrt, indem sie dem Präsidentenpalast huldigt, mit jenen Konservativen statt, in deren Kassen in der AKP-Ära Milliarden flossen. Es war die Hochzeit zweier unterschiedlicher Welten, deren Gemeinsamkeit Macht und Geld sind. Ein Teil der Tische war mit Herren im Smoking und Damen in funkelnden Abendroben besetzt. Der andere mit Männern im Anzug und Frauen mit Kopftuch. In teuren Gläsern wurden keine alkoholischen Getränke kredenzt, sondern Wasser und Säfte. Mit der Koran-Rezitation eines Hodschas begann die Hochzeit, mit dem Konzert eines weiblichen Popstars endete sie.

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