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Brief aus Istanbul : Die Palastpresse dreht durch

  • -Aktualisiert am

Ein Resümee der Hegemonie

Nicht für jeden war der Hochzeitsabend ein Vergnügen. Die Istanbuler litten arg darunter, dass die halbe Stadt gesperrt wurde. Wegen der Feier kam der Verkehr zum Erliegen. Als die Polizei den Verkehr stoppte, fragte der Anwalt Sertug Sürenoglu nach dem Grund. Daraufhin prügelten Erdogans Leibwächter ihn nieder. Gegen den Anwalt, der die Nacht im Krankenhaus verbrachte, wurden Ermittlungen wegen Beleidigung Erdogans aufgenommen. Nacht der Entlassung aus der Klinik wurde er unter Hausarrest gestellt.

Die Zeitungen im Besitz der an der Hochzeit beteiligten Familien meldeten selbstverständlich nicht, was dem Anwalt widerfahren war. Ihre Titelblätter zierte die Schlagzeile: „Hochzeit des Jahres“. Das war untertrieben, denn eigentlich handelte es sich um die Hochzeit der letzten siebzehn Jahre. Das in wenigen Tagen im Garten des Çiragan-Palastes hochgezogene illegale Gebäude, das Beziehungsgeflecht hinter der Hochzeit, die Feier, deren Preis die Istanbuler zahlen mussten, all das war praktisch ein Resümee von Erdogans Hegemonie.

Die Hochzeit fand zwei Wochen nach den Wahlen vom 31. März statt, bei denen Erdogan die meisten Metropolen verlor. Der AKP-Oberbürgermeister Mevlüt Uysal, der zu diesem Zeitpunkt noch an seinem Amt festhielt, traute das junge Paar. Da Erdogan seine Niederlage noch nicht eingestanden hatte, hatte der neue Bürgermeister Ekrem Imamoglu von der CHP seine Ernennungsurkunde noch nicht erhalten. Im Präsidentenpalast in Ankara war man noch nicht zu einem Ergebnis der Schadensfeststellung gelangt: Würde die Annullierung der Wahl in Istanbul größeren Schaden bringen oder die Übergabe der Stadt? Angesichts der Krise in der Wirtschaft und aufgrund der Sorge, eine abermalige Schlappe bei Neuwahlen könnte die Auflösung der AKP noch beschleunigen, sah Erdogan sich gezwungen, das Wahlergebnis anzuerkennen. Siebzehn Tage nach Schließung der Wahllokale händigte der Wahlrat Imamoglu den Schlüssel zur Stadt aus.

2014 hatte Erdogan den neuen Palast bezogen.
2014 hatte Erdogan den neuen Palast bezogen. : Bild: dpa

Dass er die Niederlage offiziell anerkennt, machte Erdogan kurz darauf deutlich. Zuvor hatte er Gegner seines Wahlbündnisses zu Terroristen erklärt, nun kam ein neuer Duktus: „Wir müssen unsere politischen Meinungsverschiedenheiten beiseiteschieben und als Türkei-Bündnis von 82 Millionen alle gemeinsam handeln. Es ist an der Zeit, das glühende Eisen abzukühlen und Umarmung, Gemeinschaft und Zusammenhalt erneut zu vernieten.“ Auch wenn er innerlich blutige Tränen weint, gab Erdogan sich den Anschein, einen Schritt zurückzuweichen, um bis zu den Wahlen 2023 im Amt bleiben zu können. Der Erfolg ist ungewiss. Die Wirtschaftskrise, die Pläne ehemaliger AKPler, eine neue Partei zu gründen, und der Schwung der Opposition könnten zu vorgezogenen Wahlen führen.

Die von Erdogan geformten Medien haben die Niederlage noch nicht verdaut. Als internationale Fernsehsender die Amtseinführung in Istanbul live brachten, zeigten sie, wie eine vor fünf Monaten in London gegründete Stiftung Erdogans Ehefrau Emine einen Preis verlieh. Welch ein Zufall, die Inhaber der Stiftung, die in der Türkei den Zuschlag für öffentliche Ausschreibungen erhielten, sind persönlich mit Familie Erdogan befreundet.

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