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Brief aus Istanbul : Alle Geschäfte aus einer Hand

  • -Aktualisiert am

Die Macht hält Erdogan allein in seinen Händen, bei Geschäftemacherei lässt er auch andere ran, wenn sie ihm nützlich sind. Bild: Getty

Seit dem gegen ihn gescheiterten Putsch setzt Präsident Erdogan überall Vasallen ein – auch bei den von ihm kontrollierten Medien. Sein neuester Coup sind Fußballwetten.

          Die Türkei stand nicht über Nacht vor dem Putschversuch vom 15. Juli 2016. Die erste Lunte des Zwistes zwischen den hinter dem Umsturz steckenden Gülenisten und der Erdogan-Regierung wurde bereits am 7. Februar 2012 gezündet. An diesem Datum setzten die Gülenisten, damals noch inoffizielle Koalitionspartner der AKP, die in ihre Hände gegebene Polizei und Justizbürokratie ein und stellten erstmals die Macht von Erdogan, mit dem sie jahrelang gemeinsam agiert hatten, auf die Probe. Gülenistische Funktionäre luden den Chef des Geheimdienstes MIT, der die Unterhandlungen mit der PKK führte, zur Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft vor. Ziel war es, den für den Geheimdienst zuständigen Staatssekretär Hakan Fidan, einen der engsten Mitarbeiter Erdogans, zu verhaften, die laufende Initiative zur Lösung der kurdischen Frage zu blockieren und Erdogan vor der Öffentlichkeit als einen Staatschef hinzustellen, der mit Terroristen verhandelt.

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          Die erste Runde des Kampfes, der aus noch immer nicht ganz geklärten Gründen zwischen den beiden Partnern ausgebrochen war, ging allerdings an Erdogan. Er ließ sich von den Gülenisten nicht erpressen und seinen Geheimdienst-Staatssekretär nicht zur Vernehmung abholen. Als die Polizisten an der Tür des MIT den Geheimagenten desselben Staates gegenüberstanden, mussten sie einen Rückzieher machen. Trotz dieses Kräftemessens im Februar 2012 zog Erdogan nicht offen in die Schlacht gegen die Gülenisten. Er trat sogar ein paar Monate darauf bei der Abschlusszeremonie der Türkisch-Olympiade der Gülenisten in Istanbul auf, einer gewaltigen Machtdemonstration der Bewegung, und rief Fethullah Gülen, ihren in den Vereinigten Staaten lebenden Anführer, mit folgenden Worten zur Rückkehr in die Türkei auf: „Fremde bedeutet Sehnsucht. Der Preis der Sehnsucht ist gewaltig. Wir wollen jene, die in der Fremde sind und sich nach dem Boden der Heimat sehnen, bei uns haben. Wir sagen, das Heimweh soll endlich ein Ende haben.“

          Bülent Mumay

          Erdogans von Gülens Anhängern euphorisch beklatschte Einladung nützte nichts. Die Spannungen zwischen den beiden ehemaligen Partnern erreichten mit den Korruptionsermittlungen gülenistischer Polizisten und Justizkader am 17. Dezember 2013 ihren Höhepunkt. Funktionäre, die Erdogan persönlich an die Spitze von Justiz und Polizei gesetzt hatte, drückten den Knopf. Erstes Ziel der Gülenisten waren vier Minister in Erdogans Kabinett. Belege dafür, dass diese über Monate observierten Minister sich hatten bestechen lassen, wurden an die Presse durchgesteckt, bei frühmorgendlichen Razzien wurden die Söhne von zwei Ministern und mehrere Unternehmer festgenommen. Der zweite Teil der Operation sollte am 25. Dezember stattfinden. Diesmal war das Ziel noch höher gesteckt. Im Visier der gülenistischen Polizisten stand Erdogans jüngster Sohn Bilal. Doch in einer Kontra-Operation entließ Erdogan gülenistische Polizisten und Staatsanwälte und vereitelte damit den gegen seine Familie gerichteten Einsatz.

          Unter Tränen am Telefon

          An jenem Tag begann Erdogan, sämtliche staatlichen Kader von Gülenisten zu säubern. Als den Gülenisten in der Armee klar wurde, dass sie als nächste an der Reihe sein würden, versuchten sie am 15. Juli 2016 als letzte Chance den Umsturz.

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