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Brief aus Istanbul : Mit der linken Hand essen die Teufel

  • -Aktualisiert am

Bei der Eröffnungsfeier des neuen Flughafens in Istanbul lässt es sich der türkische Präsident nicht nehmen, selbst ein Golf Cart zu fahren. Er verfügt über 21 Dienstwagen. Bild: dpa

Die Inflation bricht Rekorde, aber etwas ist doch stabil in der Türkei: das übliche Statement von Erdogans Schwiegersohn. Unterdessen bitten Willkommens-Imame Reisende zum Islam-Unterricht.

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          Zu den Gebieten, auf dem das Erdogan-Regime besonders erfolgreich ist, gehört es, die Realität zu manipulieren und die Wahrnehmung der Öffentlichkeit von irgendeiner Sache zugunsten der Regierung zu wenden. Nicht umsonst sind die Machthaber seit ihrem Regierungsantritt bestrebt, die Medien in die Hand zu bekommen. Das ist ihnen gelungen. Entweder zogen sie Medieneinrichtungen an sich oder wechselten die Eigentümer aus. Unliebsame Journalisten ließen sie feuern oder hinter Gitter bringen. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden Instrumenten, von Gerichten bis zu den Medien, wird jede Form von Opposition verteufelt. Alle Manöver, Fehler und Misserfolge der Regierung werden durch Eingriffe in die Wahrnehmung legitimiert. Manchmal sogar als Erfolge verkauft.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Bei einer Grubenkatastrophe starben 301 Arbeiter aufgrund von Fahrlässigkeit und Versäumnissen? Die Reaktion steht parat: „Derlei Unglücksfälle gehören zum Schicksal des Bergbaus. So etwas kam im 19. Jahrhundert auch in England vor!“ Bei einem Zugunglück kamen Dutzende Menschen ums Leben? Die Ursache ist klar: „wegen des Regens“. Als wären wir das einzige Land, auf dessen Schienen Regen fällt. Dollar und Euro steigen? Auch dafür gibt es eine Erklärung: „Ausländische Kräfte sabotieren die Wirtschaft der Türkei!“ Journalisten werden verhaftet, „weil sie Terroristen sind“. Tagtäglich kommen neue Beispiele hinzu. Zunächst wirft man eine Lüge auf, wenn man sie nur oft genug wiederholt, glaubt auch bald die Öffentlichkeit daran.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Allerdings kommt es auch vor, dass solche Taktiken gegen die Wand fahren. Wie jüngst in der Wirtschaft. Geht es um Zahlen, ist die Manipulation der Realität nicht ganz so einfach. Da mögen die Propagandaapparate der Regierung noch so sehr auf „ausländische Kräfte“ verweisen, die Krise, in welche das Palastregime die Türkei geführt hat, lässt sich nicht verheimlichen. Selbst wenn der Beamte versetzt wird, der die Inflationsstatistiken veröffentlichte, spürt der Bürger auf Märkten und Basaren die Krise unmittelbar. Es nützt auch nichts, die Polizei zur Razzia in Supermärkte zu schicken, um die Preisschilder zu kontrollieren, oder staatliche Kampagnen wie „Alle geben zehn Prozent Rabatt!“ auf den Weg zu bringen. Unlängst wurde die Inflationsrate bekanntgegeben, sie ist über 25 Prozent geklettert und brach damit den Rekord der letzten 15 Jahre. Aber ich will niemandem unrecht tun, etwas ist doch stabil im Land: das übliche Statement von Erdogans Schwiegersohn immer dann, wenn die Inflation Rekorde bricht. Minister Berat Albayrak, dem die Staatskasse unterstellt wurde, gibt jedesmal dieselbe Erklärung ab: „Das Schlimmste haben wir hinter uns.“ Dasselbe hatte er bereits im Vormonat gesagt, als die Inflation auf Rekordniveau geklettert war.

          In einer Hauptstadt im Ausland geplant

          Selbstverständlich ist die Inflation nicht die Ursache für die Wirtschaftskrise im Land. Sie ist lediglich eines der Resultate der verqueren Wirtschaftspolitik, mit der das Erdogan-Regime das Land in die Isolation treibt. Selbst Baubranche und Automobilindustrie, die Lokomotiven der türkischen Wirtschaft, ringen mittlerweile mit dem Tod. Der Immobilienverkauf brach um 60 Prozent ein, es heißt, mehr als zwei Millionen unverkaufte Immobilien stauten sich in den Händen der Bauunternehmen. Ende Oktober ging der Absatz der Automobilindustrie um 77 Prozent zurück. Die Händler blieben auf Kraftfahrzeugen im Wert von mehreren Milliarden Euro sitzen.

          Aufgrund unsicherer Zukunftsaussichten halten die Bürger ihre paar ersparten Groschen zurück. Eine massive Stagnation hat den Markt im Griff. Ist es nicht tragisch genug, dass nicht irgendein Industrieunternehmen die Liste der größten Steuerzahler anführt, sondern die Zentralbank? Offenbar nicht für jene, die all diese Fakten ignorieren und versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren. Dem jüngsten Statement von Wirtschafts- und Finanzminister Albayrak zufolge wurden alle „ökonomischen Angriffe auf die Wirtschaft der Türkei in einer Hauptstadt im Ausland geplant“!

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