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Journalisten im Visier Erdogans : Die Vergeltung nimmt kein Ende

  • -Aktualisiert am

Am Montagabend protestieren Demonstranten vor dem Redaktionssitz von „Cumhuriyet“ gegen die Verfolgung der Journalisten. Bild: AP

Geiselnahmen, Hausdurchsuchungen, absurde Unterstellungen: Gegen kritische Journalisten ist Erdogan jedes Mittel recht.

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          In der Region, in der ich lebe, geht nicht allein die Dynastie vom Vater auf den Sohn über. Auch alles Übel, das ihnen angetan wird, alles, was ihnen angehängt wird, solange die Herrscher auf dem Thron sitzen, quält zunächst sie und anschließend ihre Angehörigen. Das Übel beschränkt sich nicht auf eine einzige Generation, und es vererbt sich nicht allein vom Vater auf den Sohn. Es trifft auch die Angehörigen. Anstelle entgangener Putschverdächtiger nimmt der Staat schon mal Schwiegermütter im Rollstuhl oder Ehefrauen fest. Das ist eine Art Geiselhaft.

          Was Can Dündar erlebte, der nach seiner Verurteilung zu langer Haftstrafe nach Deutschland gehen musste, ist nichts anderes. Er war regelrecht zum Vaterlandsverräter erklärt worden, als er über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes berichtete. An wen in Syrien die Waffen tatsächlich gingen, ist bis heute nicht geklärt. Einem Attentat vor dem Gerichtsgebäude entging er nur knapp, weil seine Frau Dilek Dündar beherzt eingriff. Nicht genug damit, dass sie die Sorgen ihres Mannes teilte. Der Staat hindert sie daran, zu ihrem Ehemann zu reisen, der nach Deutschland ging, weil sein Leben in Gefahr war und er seine Freiheit nicht verlieren wollte. Can Dündar entwischte dem Staat, dafür erklärte dieser den Pass von Dilek Dündar für ungültig, kurz: Er nahm sie als Geisel.

          So früh klopft nur die Polizei

          Auch die Zeitung „Cumhuriyet“, die Can Dündar als Chefredakteur geleitet hatte, zahlt ihren Preis. Sie war beinahe die einzige Zeitung, die die Gülen-Bewegung unter die Lupe nahm, lange bevor die AKP ihren ehemaligen inoffiziellen Partner zum Terroristen erklärte. Und heute wird die Zeitung, der Atatürk bei ihrer Gründung 1924 den Namen „Republik“ verlieh, bezichtigt, die als terroristisch bezeichnete Gülen-Organisation zu unterstützen, die hinter dem Putschversuch stecken soll!

          Am Montagmorgen gegen sechs Uhr früh klopfte es an den Türen von fünfzehn „Cumhuriyet“-Mitarbeitern, darunter Murat Sabuncu, der von Can Dündar den Posten des Chefredakteurs übernommen hatte. In unserem Land klopft zu dieser frühen Stunde nicht der Milchmann, sondern die Polizei. Das weiß ich genau, denn vor zwei Monaten war es meine Tür, an die geklopft wurde. Auch diesmal narrte die Uhrzeit nicht. Unter dem Vorwurf, sie würden die für den Putsch verantwortliche Terrororganisation unterstützen, wurden die Häuser der Journalisten durchsucht. Sie selbst wurden festgenommen und zur Anti-Terror-Abteilung im Polizeipräsidium gebracht. Es wurde Kontaktsperre verhängt, sie dürfen fünf Tage lang ihre Anwälte nicht sehen.

          Absurde Bezichtigungen

          In der Türkei ist es so Brauch: Sobald Sie hören, dass etwas gegen eine Zeitung unternommen wird, gehen Sie dorthin und stehen den betroffenen Kollegen zur Seite. Denn mehr können Sie nicht tun. Ich gehörte zu den Ersten, die bei der Zeitung eintrafen. Ich betrat eine Redaktion, wo sich alle perplex anschauten, denn die gesamte Leitung war verhaftet worden. Die Telefone klingelten ununterbrochen. Alle Gespräche endeten mit: „Wir wissen es nicht, die Anwälte sind vor Ort.“ In der Redaktion lag auf fast jedem Tisch die Zeitung mit der am Vortag formulierten Schlagzeile: „Erneut Schlag gegen Oppositionelle“. Diese Schlagzeile hatte Chefredakteur Sabuncu vor seiner Festnahme bestimmt, da die Regierung am Wochenende wieder Zeitungen geschlossen und Tausende Menschen entlassen hatte. Mit diesem Titel thematisierte er die Hexenjagd auf Oppositionelle, die nicht das Geringste mit dem Putsch zu tun haben. Als hätte er geahnt, was ihnen selbst am nächsten Tag bevorstand.

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          Kommen wir zu der Absurdität, die „Cumhuriyet“ zu bezichtigen, sie unterstütze die Putschisten vom 15. Juli und die Gülen-Bewegung. Dazu braucht es ein wenig Hintergrundwissen. 2008 klingelte es eines Morgens bei Ilhan Selcuk, dem damals 83 Jahre alten Chefredakteur der Zeitung, die in jenen Jahren eine links-kemalistische Linie verfolgte. Vor der Tür stand die Polizei. Selcuk wurde im Rahmen der sogenannten Ergenekon-Operationen festgenommen, einer Intrige der Gülenisten gegen das Militär. Man warf ihm vor, „Putschvorbereitungen unterstützt“ zu haben. Acht Jahre ist das her. Die gülenistischen Beamten in Polizei und Justiz, die ihn als angeblichen Putschisten festnahmen, sitzen heute wegen Beteiligung am Coup vom 15. Juli im Gefängnis. Damals warfen die Gülenisten der „Cumhuriyet“ vor, einen Putsch vorzubereiten, heute heißt es, sie habe den Putschversuch der Gülenisten unterstützt.

          Laizistische Linie ohne Zugeständnisse

          Zu den festgenommenen Autoren der Zeitung, die eine kleine Auflage hat, aber große Wirkung erzielt, gehört Hikmet Cetinkaya, der sich seit mehr als vierzig Jahren mit der Gülen-Bewegung befasst. Unermüdlich schrieb er über die Pläne der Gülenisten, sich des Staats zu bemächtigen. Er legte Beweise vor, wie die Bewegung im Staat organisiert ist, von Polizei- und Militärakademien bis in die höchsten Stellen. Er schrieb ein Buch darüber: „40 Jahre Aufstieg des Fethullah Gülen“. Was der „Cumhuriyet“ zustieß, als sie eine Zusammenfassung des Buches publizieren wollte? 2005, in den ersten Jahren der AKP-Regierung, wurde die Zeitung mit Publikationsverbot bestraft. Hätte man auf Cetinkayas Warnungen gehört, wäre es womöglich gar nicht zum Putschversuch vom 15. Juli gekommen. Doch nun wird auch er bezichtigt, die Gülenisten zu unterstützen.

          Hüseyin Celik, langjähriger Minister in AKP-Regierungen unter Erdogan, wies zu Zeiten, da man mit Gülen noch gemeinsame Sache machte, Äußerungen, die Gülenisten hätten den Staat durchdrungen, zurück: „Da lachen ja die Hühner.“ Die „Cumhuriyet“ ist dafür bekannt, keine Zugeständnisse zu machen, wenn es um ihre laizistische Linie geht; über die Behauptung, sie unterstütze Gülen, können leider nicht einmal die Hühner lachen. Wo wir bei bitterer Ironie sind, will ich mit einem Ausspruch Erdogans von 2015 enden: „Ich poche darauf. Weder in Europa noch in irgendeinem anderen Land gibt es Medien, die so frei sind wie die Presse in der Türkei.“

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