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Brief aus Istanbul : „Geh mal ins Konsulat, wir wollen etwas ausprobieren“

  • -Aktualisiert am

Hier starb Jamal Khasgoggi: Ein Wachmann schaut durch das Tor zum saudi-arabischen Konsulat in Istanbul. Bild: Picture-Alliance

Interesse an der Aufklärung eines Mordes oder an einem Trumpf für Verhandlungen mit Riad? Erdogans Anteilnahme am Schicksal des ermordeten Jamal Khashoggi ist so rührend wie verlogen.

          Dass der oppositionelle saudische Journalist Jamal Khashoggi das Generalkonsulat seines Landes in Istanbul nicht mehr lebend verließ, hat jeden, der einen Funken Menschlichkeit besitzt, schaudern gemacht. Im Unterschied zur Weltöffentlichkeit gab es bei diesem brutalen Mord einen Aspekt, der uns Journalisten in der Türkei die Tränen in die Augen trieb: die Sensibilität, die Ankara für einen dissidenten Journalisten aufbringt. Hier herrscht eine Regierung, die etliche Medieneinrichtungen schloss und oppositionelle Journalisten auf der Achse von Gefängnis oder Exil oder Arbeitslosigkeit „leben“ lässt. Als Angehörige einer Berufsgruppe, die man am liebsten gänzlich abschaffen würde, haben wir mit dem Mordfall Khashoggi eines gelernt: Damit die seit sechzehn Jahren regierende AKP sich eines Journalisten annimmt, muss er „ermordet und zerstückelt“ worden sein. Wir Journalisten in der Türkei sitzen entweder hinter Gittern oder im Exil. Doch selbst wenn wir arbeitslos sind, leben wir noch und sind ganz. Seien wir dankbar dafür.

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          Es gibt einen weiteren Grund dafür, dass führende AKP-Funktionäre, allen voran Erdogan selbst, so sensibel auf den Mord an Khashoggi reagieren: In der regionalen Gleichung stehen die Türkei und Saudi-Arabien auf unterschiedlichen Achsen. Saudi-Arabien operiert gemeinsam mit den Vereinigten Staaten, Israel und Ägypten auf der Gegenseite von Erdogan. Erdogan ist mit Russland und Qatar verbündet. Wäre das, was Khashoggi widerfuhr, in den Konsulaten seiner Alliierten geschehen, wäre Ankaras Empörung sicher nicht so laut. Mit diesem Mord versucht Ankara, auch den saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman auszubooten. Denn wenn der dreiunddreißigjährige Kronprinz die Macht einmal vollständig übernimmt, dürfte er noch eine ganze Weile für Erdogan ein Problem darstellen. Die Istanbuler Polizei unterrichtete die türkische Presse von keinem einzigen Detail in Bezug auf das Verbrechen. Stattdessen werden die Einzelheiten des brutalen Mords an die amerikanische Presse durchgestochen. Damit will man über die amerikanische Öffentlichkeit Trump dazu bewegen, zur saudischen Führung auf Abstand zu gehen, und das der Türkei gegenüberstehende Bündnis auszuhebeln.

          Vor der Hausdurchsuchung abgereist

          Ankara tut zwar so, als setze es sich für die Aufklärung des Mords ein, Statements aus palastnahen Kreisen weisen aber darauf hin, dass die Angelegenheit zugleich als Trumpf für Verhandlungen mit Riad benutzt wird. Wenige Tage nach dem Mord erklärte Erdogans Chefberater im Palast Ilnur Çevik: „Die Türkei bohrt in der Sache Jamal Khashoggi nicht weiter nach, sondern unterstützt den saudischen König Salman.“ Auch der Erdogan-Berater in der AKP, Yasin Aktay, stellte sich hinter die Führung in Riad. In seiner Kolumne in der Zeitung „Yeni Safak“, die Erdogan unterstützt, formulierte er: „Es macht keinen Sinn und hat keinen Nutzen, in Kommentaren zum Verschwinden Khashoggis im Konsulatsgebäude Saudi-Arabien herunterzuputzen.“ Halten wir hier fest, dass auch Präsidentensprecher Ibrahim Kalin im Anschluss an die Ministerratssitzung unter Erdogans Vorsitz sagte: „Saudi-Arabien ist für uns ein Bruderland.“

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