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Brief aus Istanbul : Befeuchteter Sesamkringel ist wichtiger als der Palast

  • -Aktualisiert am

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Donnerstag bei einer Investment-Konferenz in New York Bild: Getty

Panik brachte ihn zum Reden, und sobald er redete, verschlimmerte sich die Situation weiter: In der Türkei verlieren die Menschen den Glauben an Erdoğans immer wirrere Erklärungen für die Lage, die er verursacht hat.

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          Im November sind Erdoğan und seine AKP 20 Jahre an der Macht. Nie zuvor haben eine Partei oder ein Staatschef die Türkei so lange ununterbrochen regiert. Fraglos ist es nicht einfach – mit populistischen, opportunistischen oder machiavellistischen Methoden –, so viele Wahlen zu gewinnen und das politische System des Landes per Volksabstimmung zu ändern.

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          Diese außerordentlich lange Regierungsdauer liegt allerdings – leider – nicht im Wohlergehen der Bevölkerung oder der Erweiterung von Grundrechten und Freiheiten begründet. Der Punkt, an dem die Türkei am Ende dieser 20 Jahre steht, ist das Ende nahezu sämtlicher globaler Indexe. Von Menschenrechten bis Bildungsniveau sind wir in zahllosen Bereichen auf Grund gelaufen. Dem Demokratieranking der Universität Göteborg zufolge stehen wir auf Platz 147 von 179 Ländern. Selbst Ruanda und Bangladesch liegen vor uns. Das Schanghai-Ranking für akademischen Erfolg weist unter den besten 400 Universitäten der Welt keine einzige türkische Hochschule mehr aus. Und auf der Liste des Internationalen Gewerkschaftsbunds sind wir eines der zehn schlechtesten Länder für Arbeitnehmer auf der Welt.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Keiner dieser Negativrekorde hat die 20-jährige Regierung Erdoğans bedroht. Die Erschütterungen in der Wirtschaft aber könnten dazu führen, dass er sich nach den Wahlen im Juni 2023 aus dem Palast verabschieden muss. Lesen Sie das nicht etwa als Hoffnung eines Oppositionellen. Fakt ist: Je schlechter es um die Wirtschaft steht, desto stärker bröckelt die Unterstützung für Erdoğan. Obwohl die Opposition ihren Präsidentschaftskandidaten noch nicht aufgestellt hat, weist die jüngste Umfrage eine Niederlage für Erdoğan aus. Auf die Frage: „Würden Sie Ihre Stimme Erdoğan oder dem Kandidaten der Opposition geben?“ antworteten 55,6 Prozent der Befragten, sie würden den oppositionellen Kandidaten wählen, nur 33,3 Prozent Erdoğan. Um dieses Bild umzukehren, könnte Erdoğan natürlich – buchstäblich – alles tun, doch bleiben wir erst einmal bei den Tatsachen. 2018 war Erdoğan mit 52,59 Prozent gewählt worden, innerhalb der letzten zwölf Monate war der Stimmenschwund dramatisch. Während die ganze Welt Inflation mit Zinserhöhungen bekämpft, schwor Erdoğan auf seine These, die Inflation sei die Folge hoher Zinsen, und senkte die Zinsen. Erdoğans Krieg gegen die Wirtschaftswissenschaften trieb die Inflation so weit in die Höhe, dass wir auch in dieser Disziplin den Weltrekord gebrochen haben. Mit der offiziell verkündeten Inflationsrate von 80,21 Prozent haben wir selbst Argentinien überholt und sind nun Weltmeister. Gäbe man die tatsächliche Rate bekannt, würden wir nicht nur den Rekord auf der Erde brechen, sondern in der gesamten Galaxie.

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          Was Erdoğan binnen Jahresfrist einen von drei Wählern gekostet hat, war seine panische Reaktion, mit der er die Märkte durcheinandergewirbelt hat. Panik brachte ihn zum Reden, und sobald er redete, verschlimmerte sich die Situation weiter. Als er am 17. November 2021 mit der fixen Idee vom Wachstum verkündete: „Zinsen sind die Ursache, die Folge ist Inflation“, betrug die Inflationsrate 21 Prozent. Einen Monat nach seiner Ankündigung, sie würde „schnell sinken“, stieg sie über 36 Prozent. Und unmittelbar nachdem er gesagt hatte: „Die Inflation sinkt jetzt, das ist sicher“, bezifferte die vom Palast gelenkte Statistikbehörde sie auf 48 Prozent. Dann sagte er: „Nach dem Monat Mai wird sie zurückgehen“, heute ist sie mit 80,21 Prozent Nummer eins in der Welt. Unter den Entwicklungsländern sind wir das Land, dessen Währung am schnellsten an Wert verliert. In den ersten acht Monaten dieses Jahres ist die türkische Lira im Verhältnis zu Fremdwährungen um mehr als 25 Prozent abgestürzt. Alles ist extrem teuer geworden. Für den Betrag, den wir vor sieben Jahren für einen VW Golf mit Kilometerstand null hingeblättert haben, bekommen wir heute kaum das neue iPhone.

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