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Brief aus Istanbul : Als Präsident Erdogan ein Feuer löschen wollte

  • -Aktualisiert am

Die Brände haben Spuren hinterlassen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 31. Juli in Manavgat. Bild: AP

In der Türkei brennen nicht nur die Wälder, auch die finanziellen Polster stehen in Flammen. Und allmählich ahnen immer mehr Menschen, ein und derselbe Mann kann beides nicht löschen.

          5 Min.

          Unsere Lunge und unser Portemonnaie brennen! Zwar sind die Ursachen verschieden, doch es ist ein und derselbe, der die Feuer nicht zu löschen vermag. Sind Sie jetzt verwirrt? Das liegt daran, dass Sie nicht in der Türkei leben. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land, in dem Ihr Einkommen – falls Sie überhaupt einen Job haben – praktisch gleich bleibt, die Preise aber ständig steigen. Die Regierung behauptet, die Wirtschaft des Landes bäume sich auf. Das Aufbäumen besteht allerdings nur darin, dass Sie von Tag zu Tag ärmer werden. Das offizielle Statistikamt veröffentlichte diesen Monat die höchste Inflationsrate der letzten zwanzig Jahre: 19 Prozent. Den Menschen auf der Straße wie auch dem von Erdogan eingesetzten Zentralbankchef kommt diese Rate gleichwohl unglaubwürdig vor: „Sämtliche Preissteigerungen liegen über 30 Prozent ...“

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          Erdogan sagt: „Ich bin Ökonom.“ Als wäre nicht er Architekt dieser Situation, lauteten seine Statements: „Von nun an wird die Inflation unmöglich weiter steigen.“ Stieg sie doch, wechselte er umgehend den Leiter der Statistikbehörde aus. Sollte die Inflation es wagen, auch nach dem jüngsten Statement weiter zu steigen, wird er sie wohl verhaften lassen.

          Seine Beschlüsse führten die Wirtschaft tief in die Krise. Mit zunehmender Macht Erdogans nahm unsere Kaufkraft ab. Ein Blick auf die monatlich veröffentlichten Daten zu Armut und Mindestlohn zeigt, dass dieser nahezu alle Monate der vergangenen fünf Jahre unterhalb der Hungergrenze lag. 59 der letzten 67 Monate waren die Menschen hierzulande nicht imstande, sich richtig satt zu essen. Nur die AKP-Führung ist der Meinung, niemand leide Hunger. Erdogans Berater Yasin Aktay meint: „Wer sagt: ‚Ich habe Hunger‘, hat keinen Hunger; wer Hunger hat, schreit nicht, dass er Hunger hat.“

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Währenddessen wachsen bei Millionen, deren feste Einkommen sich tagtäglich verringern, die Kreditkartenschulden, nur weil sie Lebensmittel kaufen. Um Schulden zu tilgen, nehmen die Bürger Kredite zu immer höheren Zinsen auf. Von den rund 80 Millionen Einwohnern haben über 34,5 Millionen Kreditschulden. Und nicht nur die Bürger verschulden sich. Auch im Staatsschatz wächst das Loch. Innerhalb der letzten achtzehn Monate stiegen die Schulden der Zentralverwaltung von 1,33 Trillionen Lira auf 2,03 Trillionen.

          Studien zweier international renommierter Marktforschungsunternehmen belegen, wie die täglichen Sorgen sich auf unsere Psyche ausgewirkt haben. Laut Ipsos-Studie blicken 82 Prozent der Türken mit Sorge in die Zukunft. Während weltweit die Besorgnis um zwei Prozent zunahm, schnellte die Anzahl besorgter Bürger in der Türkei innerhalb von fünf Jahren von 55 auf 82 Prozent. Kommen wir zur zweiten Studie. Wir sind mediterrane Menschen, wir lachen gern, das wissen Sie. Der von Gallup jährlich aktualisierte Global Emotions Report weist allerdings aus, dass wir das Lachen verlernt haben. Laut der 116 Länder umfassenden Studie ist die Türkei das Land, in dem am wenigsten gelacht wird. Bei den Ländern mit der stärksten Wut und dem höchsten Stresslevel dagegen schafften wir es unter die ersten fünf.

          Hätte man nicht früher löschen können?

          Wie sollten wir auch lachen, es brennt bei uns ja nicht bloß im Portemonnaie! Auch die Lungen des Landes brennen. In den paradiesisch schönen Ecken der Türkei verbrannten in den letzten zwei Wochen mehrere zehntausend Hektar Wald zu Asche. Als die Hitze über das normale Maß der Jahreszeit stieg, brachen zunächst in Antalya, dann auch in Bodrum und Marmaris Feuer aus. Leider gab es kein einziges Flugzeug, das zum Löschen der Brände in den wichtigsten Tourismusregionen der Türkei hätte eingesetzt werden können. Nicht weil wir arm sind. Unser Staatspräsident besitzt eine Flotte von dreizehn Fliegern, und wir sind reich genug, um acht Flugzeuge allein zu einem Picknick nach Zypern zu schicken, an dem er teilnahm. Wir haben 2,5 Milliarden Dollar, um die in den Depots harrenden S-400-Raketen russischer Produktion zu bezahlen. Ebenso sind wir in der Lage, eine mit italienischem Marmor verzierte Moschee im Wert von 20 Millionen Dollar in Ghana zu errichten. Die vier Millionen Dollar für die Wartung der in den Hallen des türkischen Luftfahrtverbands vor sich hin rottenden Löschflugzeuge aber konnten wir leider nicht aufwenden. Stattdessen bezahlten wir lieber 23,4 Millionen Dollar für drei in den Sommermonaten von Russland gepachtete Löschflugzeuge. Außenminister Cavusoglu bat unterdessen mit den Worten „Unser Volk ist großzügig“ die Bürger um Geld.

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