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Brief aus Istanbul : Kaufen Sie bitte nur ein Stück Brot!

  • -Aktualisiert am

Istanbul: Menschen kaufen Brot an einem Kiosk der Istanbuler Stadtverwaltung. Bild: dpa

Erdoğan treibt die Menschen in der Türkei in die Armut. Er sucht Schuldige, erst im Ausland, dann im Inland. Doch die Menschen wissen, wem sie die Misere zu verdanken haben.

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          Im Gedächtnis der türkischen Gesellschaft gibt es traumatische Momente. Dazu gehört, Brot gegen Bezugsscheine zu kaufen. Als Maßnahme gegen die Not im Zweiten Weltkrieg gaben die Machthaber Brot auf Bezugsscheine aus. Die Türkei war nicht in den Krieg eingetreten, hatte aber bestimmte Wirtschaftsmaßnahmen ergriffen, sodass Familien Brot nur in der zugewiesenen Menge erhielten. Eine weitere traumatische Erinnerung stammt aus den Siebzigern. Aufgrund der Wirtschaftskrise und des Embargos, das gegen die Türkei wegen der Zypern-Intervention verhängt worden war, mussten die Leute für viele Waren anstehen. Unvergesslich sind die Schlangen für Benzin, Speiseöl und Gasflaschen.

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          Dank des Erdoğan-Regimes sind neue Traumata hinzugekommen. Betreten Sie in der Türkei einen Supermarkt, finden Sie bei manchen Produkten den Hinweis: „Begrenzte Abgabe: Bitte nur ein Stück kaufen.“ Vor allem bei Grundnahrungsmitteln wie Zucker und Speiseöl findet sich dieser Hinweis. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Leute wissen, dass sie das gleiche Produkt am nächsten Tag nicht mehr zum gleichen Preis bekommen, weil eine Preissteigerung die nächste jagt. Also geben sie ihr Geld bis zum letzten Kurusch aus, um Lebensmittel zu horten. Was steckt dahinter, wenn die Bürger horten und die Händler nicht verkaufen wollen? Dass, aufgrund Erdoğans Wirtschaftspolitik, niemand abschätzen kann, was morgen sein wird.

          Die Wirtschaftskrise verschärft sich dank Erdoğans Beharren auf seiner Zinssenkungspolitik täglich. Als die Zentralbank am 18. November abermals den Leitzins senkte und Erdoğan verkündete, weitere Senkungen würden folgen, erlebte die türkische Lira einen historischen Absturz. Innerhalb der letzten zwei Wochen verlor unsere Währung 20 Prozent an Wert. Der Dollar liegt bei 13,45 türkischen Lira, der Euro bei 15,15. Die Devisenkurse haben sich in den letzten zehn Jahren versechsfacht.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Unsere Wirtschaft ist vom Ausland abhängig. Deshalb wird alles nur noch teurer, wenn die Devisenkurse durch die Decke gehen. Wenn den Erwerbstätigen, die in Lira entlohnt werden, das Geld nicht mehr für die Waren reicht, weil diese wegen der steigenden Devisenkurse teurer werden, wollen sie Vorräte anlegen. Am Tag bevor die Treibstoffpreise steigen, bilden sich vor Mitternacht kilometerlange Autoschlangen an den Tankstellen. Die Händler wissen, dass sie die Regale nicht wieder zum selben Preis auffüllen können und dass die Preise für ihre Waren weiter steigen, also versuchen sie, ihre Vorräte zurückzuhalten.

          Klicken Sie auf den Websites von Automobilfirmen auf eine Preisliste, ploppt häufig der Hinweis auf: „Die Seite wird aktualisiert.“ Die Firmen können keine Preise festlegen, solange sie nicht wissen, wie es mit den Devisenkursen weitergeht, weshalb sie ihre Wagen lieber in der Garage behalten. Apple stoppte den Verkauf für zwei Tage, als die Kurse explodierten. Anschließend startete der Verkauf mit einer Preiserhöhung von 25 Prozent erneut. Den Apotheken mangelt es an gängigsten Medikamenten. Als der Staat den Kurs für Pharmaunternehmen auf ein Drittel des realen Kurses festschrieb, stellten die Firmen die Belieferung von Apotheken mit Medikamenten ein. Sie werden es vielleicht nicht glauben, doch inzwischen leihen Bürger sich gegenseitig sogar Medikamente.

          Während alles teurer wird, werden die Schlangen bei preiswerten Waren länger. Vor Theken, an denen Kommunalverwaltungen günstig Brot verkaufen, bildeten sich Schlangen von bis zu einem Kilometer. Die andere Seite der Medaille: Da die türkische Lira an Wert verliert, stehen Menschen, die ihr Geld in anderen Währungen verdienen, Schlange, um in die Türkei zu reisen. Am Grenzübergang von Bulgarien bildete sich eine Autoschlange von ebenfalls einem Kilometer, weil so viele Leute zum Einkaufen in die Türkei kommen wollten.

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