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Brief aus Istanbul : Kaufen Sie bitte nur ein Stück Brot!

  • -Aktualisiert am

Welche „ausländischen Kräfte“?

Erdoğan macht wie stets „ausländische Kräfte“ für das Geschehen verantwortlich: „Wir beobachten, wie jene, die, wie früher schon, unser Land ins Abseits stoßen wollen, an Kursen, Zinsen und Preissteigerungen drehen, und setzen unseren Willen dagegen, mit unserem eigenen Inszenierungsplan fortzufahren.“ Als wäre nicht er selbst es, der die Kurse zu Sprüngen veranlasst hat, indem er den Leitzins fünf Punkte unter der Inflation festsetzte. Allerdings zieht die Rhetorik der „ausländischen Kräfte“ nicht mehr so recht. Sie schmeckt „wie Kürbis“, wie wir auf Türkisch sagen, ist also fade geworden. Jüngsten Umfragen zufolge nennen 57,5 Prozent der Befragten „falsche Politik der Regierung“ als Grund für die Krise. Das hat Erdoğan wohl erkannt, denn nun zieht er gegen „inländische Kräfte“ statt gegen „ausländische“ zu Felde. Zunächst bezichtigte er die fünf größten Supermarktketten im Land, für die Preissteigerung verantwortlich zu sein, jetzt verdonnerte er sie zu 180 Millionen Euro Bußgeld. In Istanbul wurden 70 Personen verhaftet, weil sie mit Töpfen und Pfannen gegen Preissteigerungen protestierten. Gegen Hunderte Inhaber von Social-Media-Accounts laufen Ermittlungen, weil sie sich zu Devisenkursen äußerten.

In einer Istanbuler Wechselstube hält eine Frau US-Dollarnoten in der Hand, während sie türkische Lira wechselt.
In einer Istanbuler Wechselstube hält eine Frau US-Dollarnoten in der Hand, während sie türkische Lira wechselt. : Bild: dpa

In seiner jüngsten Sitzung beschloss der Nationale Sicherheitsrat, die Wirtschaftspolitik der Regierung zu unterstützen. Das ist heikel, weil die Opposition seit etwa zwei Jahren die Erdoğan-Regierung vor allem aufgrund der Wirtschaft in die Enge treibt. Wenn nun der Nationale Sicherheitsrat unter Erdoğans Vorsitz mit dem jüngsten Beschluss die Wirtschaft zu einer Frage der nationalen Sicherheit macht, kommt dies einer Warnung an die Opposition gleich. Den Staatskontrollrat beauftragte Erdoğan zudem damit, festzustellen, „wer die Devisenkurse manipuliert“. Offen gesagt, gibt es nur einen, der für die Manipulation der Devisenkurse verantwortlich ist. Erdoğan persönlich löst die Sprünge bei den Devisenkursen aus. Allein die Erklärung, er habe den Staatskontrollrat beauftragt, ließ die türkische Lira um weitere zwei Prozent absacken.

Das Nationaleinkommen ist seit Ende des Befreiungskampfes und Gründung der modernen Republik 1923 erstmals sieben Mal in Folge gesunken. In den Außenbezirken verkaufen die Krämer Speiseöl mittlerweile becherweise. Literweise können die Leute es sich nicht mehr leisten. Die Straßenhändler teilen die Bretzeln ähnelnden Sesamkringel Simit in zwei Hälften. Die Bevölkerung krümmt sich vor Armut, Abgeordnete der Erdoğan-Partei AKP dagegen lassen Äußerungen vom Stapel wie: „Erdgas ist teurer geworden, aber nur minimal.“ „Es gibt keine Schlangen wegen Benzin, vielmehr gibt es sehr viele Autos im Land.“ „Vor unserer Zeit lebten hungernde Menschen in den Bergen.“ „Kauft Fleisch grammweise, Gemüse aus dem Treibhaus ist gar nicht gesund.“ „Wir können monatelang von Brot und Zwiebeln leben, wir müssen niemandem Zugeständnisse machen.“

Ein Satz, der selbst die AKP-Abgeordneten vor Neid erblassen ließ, kam von einem Journalisten aus der Erdoğan-Riege. Um zu zeigen, wie „gut“ es Rentner bei uns haben, die über 200 Euro Rente verfügen, sagte er in einer Sendung: „In Deutschland sammeln etliche zehntausend Menschen Deckel von Brauseflaschen, weil ihre Rente nicht reicht.“ Es tat mir im Herzen weh, als ich das hörte. Liebe deutsche Rentner, bitte sagen Sie Bescheid, wenn Sie Brauseflaschendeckel brauchen. Schließlich trinken auch wir in der Türkei Brause, soweit unser Geld dazu reicht, wir sind gern bereit, die Deckel für Sie aufzuheben.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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