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Brief aus Istanbul : Die Festnahme von zwölf Salzstreuern

  • -Aktualisiert am

Salz und Pfeffer: Einige türkische Polizisten sahen sich angesichts der Gewürzspender an den PKK-Chef Abdullah Öcalan erinnert. Bild: Archiv

Die ständigen Nachrichten vom Terror, von Krieg und Zerstörung zerreißen uns das Herz, wir wollen uns nicht an sie gewöhnen. Bisweilen hilft nur bitterer Humor.

          Seit dem 15. August 1984, dem Tag, an dem die PKK ihren ersten bewaffneten Überfall verübte, fließt Blut in der Türkei. Täglich sehen wir Särge: von Soldaten, die kaum älter als zwanzig wurden, und von jungen Leuten, die in den Reihen der PKK kämpften. Auf beiden Seiten sind in den vergangenen dreißig Jahren mehr als 50 000 Menschen getötet worden, Tausende wurden verhaftet, Millionen mussten ihre Heimat verlassen.

          Doch das ist nicht unsere einzige Wunde. Wir erleben immer neue Traumata. In dem Land, das vor gut einem Monat Schauplatz eines Putschversuches war, erwachen Sie morgens damit, dass Panzer Ihrer Armee in das Nachbarland Syrien vorgedrungen sind. Am Nachmittag wird ein Attentat auf den Vorsitzenden der größten Oppositionspartei verübt, und noch bevor der Tag vorüber ist, macht die Nachricht von einem weiteren Sprengstoffanschlag die Runde.

          Als gäbe es nicht schon genug Leid

          „Salz in die Wunde streuen“ sagen wir in der Türkei bei einer solchen Häufung schrecklicher Vorkommnisse. Als gäbe es nicht schon genug Leid, stochert man in unseren Wunden herum. Man will verhindern, dass sie vernarben, dass unsere Zellen sich erneuern. Wir schreien vor Schmerz, aber das Stochern hört nicht auf. Uns ist schon ganz schwummerig vor Schmerz. Die Politiker sagen, wir sollten uns daran gewöhnen, mit Anschlägen zu leben. Doch auf unseren Herzen wächst keine Hornhaut, und so reißt uns jede Schreckensnachricht ein Stück aus dem Leib. Nur noch tragikomische Vorfälle entlocken uns ein Lächeln.

          Beispielsweise jener aus dem Jahr 2001, dessen Bericht ich gerade wieder in den Händen hielt. Auch damals ging es um Salz. Im März 2001 erreichte die türkische Presse folgende Nachricht: „Bei einer Operation der Istanbuler Antiterroreinheit sind zwölf Salzstreuer festgenommen worden!“ Ja, Sie haben richtig gehört: Salzstreuer. Wir kannten den ärztlichen Ratschlag, sich von zu viel Salz fernzuhalten. Dass auch die Anti-Terror-Einheit um unsere Gesundheit besorgt sein könnte, hatten wir allerdings nicht für möglich gehalten. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass die Anti-Terror-Operation nicht zum Wohl unseres Herz-Kreislauf-Systems erfolgt war. Zivilpolizisten hatten in einem Lokal in einem Istanbuler Vorortbezirk gespeist, als die Salzstreuer auf dem Tisch plötzlich ihre Aufmerksamkeit erregten: In ihrer Gestalt eines beleibten, schnauzbärtigen Mannes mit kräftigem Haarschopf unter dem Hut ähnelten sie nach Ansicht der Polizisten dem zu lebenslanger Haft verurteilten PKK-Chef Abdullah Öcalan. Flugs wurden sämtliche Salzstreuer eingesammelt und aufs Präsidium gebracht. Der Besitzer des Lokals wurde selbstverständlich auch festgenommen.

          „Sie erinnern an Fernsehköche“

          Der Gastronom verteidigte in seiner Aussage die mit ihm gemeinsam festgenommenen Salzstreuer: „Wir hatten uns für den Kauf dieser Salzstreuer entschieden, weil sie an die dicken Fernsehköche erinnern. Manche Kunden finden, sie sehen aus wie Saddam Hussein, andere tippen auf den Sänger Ibrahim Tatlises. Wenn Sie mich fragen, sehen sie mehr nach Tatlises aus.“ Glücklicherweise war die Haft der Salzstreuer und des Gastronomen nicht von langer Dauer. Die Polizisten kassierten eine Rüge von ihrem Vorgesetzten, beim Anblick der Salzstreuer an den Chef einer Terrororganisation gedacht zu haben. Doch der Vorfall sollte nicht der letzte Beweis dafür sein, dass in der Türkei selbst ein Gegenstand plötzlich zum Staatsfeind mutieren kann.

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