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Brief aus Istanbul : Deutschland, neidest du uns den neuen Flughafen?

  • -Aktualisiert am

Aus Neid auf den neuen Instanbuler Flughafen, den bald größten Europas, unterstützt Deutschland angeblich den Terror gegen die „Insel des Friedens“. Bild: Rainer Hermann

Der Unterschied zu Berlin: Die türkische Regierung weiß immer, wer hinter Anschlägen steckt. Chaos auf der Insel des Friedens? Niemals – Erdogan hat alles unter Kontrolle.

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          Im Januar jährt sich der Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt zum zweiten Mal. Noch bevor die Opfer von Paris beerdigt waren, tadelte der türkische Staatspräsident Erdogan in einer Rede Frankreich: „Warum habt ihr diese bereits polizeibekannten Täter nicht observiert? Funktioniert bei euch der Geheimdienst nicht richtig?“ Einen knappen Monat später ermordete ein Fanatiker im amerikanischen Bundesstaat North Carolina drei junge Muslime. Abermals wetterte Erdogan vom Podium: „Ich rufe Herrn Obama, ich frage ihn: ,Wo sind Sie, Herr Präsident?‘. Wir Politiker sind verantwortlich für Mordanschläge, die in unserem Land begangen werden. Denn die Menschen wählen uns, damit wir für ihre Sicherheit sorgen.“

          Wer das damals hörte, hätte glauben können, die Türkei sei so friedvoll wie ein norwegischer Fjord. Vorausgesetzt, er las keine Zeitungen, denn natürlich war die Ruhe in der Türkei schon damals nur eine scheinbare. Nach den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015 war es dann ganz vorbei damit. Zuvor hatte Erdogan sich von den Wählern gewünscht: „Gebt uns 400 Abgeordnete, damit die Sache in Frieden gelöst werde.“ Aber das Wahlresultat der AKP sah anders aus; Erdogans Partei verfehlte die absolute Mehrheit. Das machte seinen Traum von einem Präsidialsystem à la Türkei zunächst zunichte, und so wurde auch der Frieden à la Norwegen zur Illusion. Das Land stürzte im Handumdrehen ins Chaos. Noch hatten alle die Worte des damaligen Ministerpräsidenten Davutoglu im Ohr: „Ohne unser Wissen regt sich kein Blatt im Nahen Osten.“ Ja, für den Nahen Osten stimmte das damals vielleicht sogar, doch was in der Türkei vor sich ging, davon hatte die Regierung offenbar keinerlei Kenntnis. Und so konnten seit Juni 2015 Dutzende von Anschlägen in der Türkei verübt werden, für die sich manchmal der IS verantwortlich zeigte und manchmal die PKK. Die Anschläge erfolgten nicht allein in grenznahen Kampfgebieten, sondern auch in weit entfernt liegenden Städten: Allein die Anzahl der seither in Istanbul verübten Selbstmordattentate übertrifft jene von Damaskus – in Syrien tobt aber eben auch ein Bürgerkrieg.

          Eine „Insel des Friedens“

          Innerhalb von achtzehn Monaten sind bei Terroranschlägen in der Türkei 460 Menschen getötet worden. Zu Opfern von Selbstmordattentätern wurden unter anderem deutsche Touristen vor der Blauen Moschee; Israelis, die auf der Istiklal-Straße von Istanbul flanierten; Teilnehmer einer Friedenskundgebung in Ankara und Leute, die gerade an einer Spielzeug-Spendenaktion für Kinder in Syrien teilnahmen. Manche starben, als sie am Istanbuler Flughafen Angehörige abholen wollten. Andere an einer Bushaltestelle in Ankara, auf dem Weg von der Schule nach Hause. All das geschah, nachdem der türkische Justizminister wenige Monate zuvor die Türkei als „Insel des Friedens“ bezeichnet hatte.

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