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Brief aus Istanbul : Kein Halten, die Jagd geht weiter

  • -Aktualisiert am

Zu tausend Jahren Gefängnis sollte er verurteilt werden: Der türkische Journalist Cetin Altan im Jahre 1975. Bild: Imago

1971 verhaftete die türkische Militärjunta den Journalisten Çetin Altan: Er habe einen Putsch geplant. Tausend Jahre sollte er in Haft. Das Regime Erdogan ergreift nun seine Söhne.

          Die traurige Geschichte der Demokratie in der Türkei wirkt wie ein Replikat des Spruches „Die Geschichte wiederholt sich“ im Zehnjahresrhythmus. Es muss ja nicht gleich Einsteins Definition von Perfektion sein, wir wären froh, wenn unser Problem darin bestünde, nicht zweimal denselben Fehler zu machen. Unsere Geschichte besteht aus einer Kette von Fehlern, die wir nicht zweimal machen, sondern in der Potenz von zwei von Generation zu Generation wiederholen.

          Statt in unserer Geschichte vorbeizuschauen, bleibt das Gefühl „Ich habe etwas aus meinen Erfahrungen gelernt“ in den Zeilen unseres zeitgenössischen Dichters Ataol Behramoglu stecken. Unsere Wunden vernarben nie, wir bluten immer wieder an derselben Stelle. Der Schmerz endet auch nicht mit einer Generation, er wird vom Vater auf den Sohn vererbt. Das übelste genetische Erbe ist unsere Geschichte.

          1971 wie 2016: Tausende werden verhaftet

          Wir haben Jahre hinter uns, in denen Frühaufsteher putschten. Am 12. März 1971 erschütterte ein rechtsgerichteter Militärputsch die Türkei. Ähnlich wie heute wurden Tausende Menschen verhaftet, darunter der Journalist Çetin Altan, einer der ersten sozialistischen Parlamentsabgeordneten. Ihm wurde vorgeworfen, einen kurz vor dem Putsch geplanten, allerdings nicht ausgeführten linksgerichteten Coup unterstützt zu haben.

          Gegen ihn wurden 300 Prozesse mit der Forderung nach mehreren tausend Jahren Haftstrafe angestrengt, auch ein paarmal Todesstrafe waren dabei. Im Gefängnis schrieb Çetin Altan damals seinen legendären Roman „Die große Haft“ über den Putsch vom 12. März. Darin beschrieb der Protagonist, um dessen Festnahme es ging, seine Zeit im Polizeigewahrsam: „Die Männer warten auf mich. Sie warten darauf, dass ich winzig werde. Warten auf den Moment, mich genüsslich zu erniedrigen. (…) Es war eine nicht enden wollende Haft, gespickt mit Ängsten, Mängeln, Drohungen, Schmach, Verunsicherung, Gewohnheiten und Gepflogenheiten, und man demütigte uns unablässig.“

          Festgenommen von Erdgans Regime im Ausnahmezustand: Mehmet Altan.

          Der gedemütigte Mann in „Die große Haft“ war Çetin Altan selbst, er war 44 Jahre alt, als er das Buch schrieb, und wartete auf die Urteile in den Prozessen wegen Unterstützung „des Putsches vor dem Putsch“, mit denen man ihn für mehrere tausend Jahre hinter Gitter bringen wollte. Seine Familie, Ehefrau Kerime und die Söhne Ahmet und Mehmet, warteten vor dem Gefängnistor auf seine Freilassung.

          Schmerz vom Vater auf den Sohn vererbt

          Seither ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. Mein Land hat einmal mehr den Schmerz vom Vater auf den Sohn vererbt. Ahmet Altan und Mehmet Altan wurden vergangene Woche mit derselben Begründung festgenommen wie einst ihr Vater: Unterstützung eines Putsches. Wie nun sollen die Brüder Altan, der eine einer der prominentesten Journalisten und Autoren der Türkei, der andere Professor für Wirtschaftswissenschaften, den Putsch unterstützt haben? Der Staatsanwalt behauptet, die Altans, beide schon über sechzig, hätten, unterrichtet über den bevorstehenden Coup, in einer Talkshow am Vortag des Putsches den Zuschauern „subliminale“ Botschaften übermittelt.

          Mit der Festnahme von Ahmet und Mehmet Altan knüpfte die Regierung ein neues Glied in die Kette der beim Anti-Putsch-Kampf nebenbei miterledigten „Säuberung“ der Opposition. Wen hat es nicht alles getroffen! Marxistische Historiker sind wegen Unterstützung des islamistischen Predigers Gülen festgenommen, berühmte Literaten wegen Unterstützung des Terrorismus verhaftet worden, Dutzende Akademiker, die einen Friedensaufruf unterzeichnet hatten, sind unter Anwendung des Gesetzes zum „Kampf gegen den Putsch“ von den Universitäten geworfen worden. Selbst Erdogan, der das Land durch diese Phase führt, zeigt sich beunruhigt darüber, dass die Operationen zur Hexenjagd ausgeartet sind. Er ließ durchblicken, er teile die Kritik daran, dass auch am Putsch unbeteiligte Personen mit in den Sack gesteckt würden. Zur Erklärung dafür zog er eine gängige türkische Redewendung heran: „Da sind die Spuren von Pferd und Hund durcheinandergeraten.“

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