https://www.faz.net/-gqz-8knsq

Brief aus Istanbul : Das Leid nimmt kein Ende

  • -Aktualisiert am

Tiefe Trauer: Angehörige eines der bei dem Bombenanschlag in Gaziantep Ermordeten. Bild: dpa

Die Türkei ist die Heimat der Erbarmungslosigkeit. Nun hat die Gewalt die Stadt Gaziantep im Osten des Landes ergriffen. Es gibt kein Entrinnen.

          4 Min.

          In diesem Land ist das Leid extrem beharrlich und lästig. Ist es einmal da, lässt es Sie nicht wieder los. Stellen Sie sich vor, Sie steigen morgens aus dem Bett und werfen zum Start in den Tag einen Blick in die Zeitungen. Natürlich würden Sie gern in Norwegen aufwachen und als wichtigste Nachricht des Tages lesen, dass eine pittoreske Brücke für den Wildwechsel gebaut werden soll. Leben Sie hingegen in der Türkei, vermiest Ihnen der morgendliche Blick in die Presse oftmals den ganzen Tag.

          Gerade eben war dies wieder der Fall, durch eine Meldung, die noch schlimmer ist als alles, was Sie ohnehin schon zur Verzweiflung treibt. Sie fühlen Wut in sich aufkeimen, ballen die Fäuste. Sie fluchen lauthals vor sich hin. Was Sie bei der Lektüre so aufgewühlt hat? Sie haben gelesen, dass in Gaziantep, einer Provinz im Südosten der Türkei, ein neun Monate altes Baby vergewaltigt worden ist. Es handelt sich um ein syrisches Kind. Um ein Kind von einer der Zehntausenden Familien, die Zuflucht vor dem Krieg in der Türkei gesucht haben und das auf türkischem Boden geboren wurde.

          Unvorstellbarer Schmerz

          Geraten solche Verbrechen in der Türkei an die Öffentlichkeit, folgt stets dasselbe Ritual: Zuerst leugnen die offiziellen Stellen die Sache, und die berichterstattende Zeitung erhält Morddrohungen. Anschließend wird eine „Nachrichtensperre“ über das Ereignis verhängt. Wie eingangs erwähnt, ist das Leid bei uns beharrlich. Ist es einmal da, dann bleibt es auch. Die Nachricht über das vergewaltigte Kind kam aus Gaziantep. Nach dem Verbrechen, das dem Baby angetan wurde, verging nur ein Tag, und das Leid schlug abermals in der Stadt zu. Diesmal in einem Hochzeitssaal nur wenige Kilometer vom Tatort der Vergewaltigung entfernt.

          Es geschah an einem Abend, der für zwei kurdische Familien der glücklichste hätte werden sollen. Ihr Weg hatte sich auf der Flucht vor größerem Leid in Gaziantep gekreuzt: Die beiden kurdischen Familien hatten ihre Heimat im Osten der Türkei vor einigen Jahren verlassen müssen, weil sie zwischen die Fronten von Staat und PKK geraten waren. Der Abend endete in unvorstellbarem Schmerz. Die Familien hatten ihr eigenes Leid mit dem Glück ihrer Kinder kaschieren wollen.

          „Gebe Gott einen Tod der Reihe nach“

          Sie und ihre Gäste trugen farbenfrohe Kleidern und tanzten Halay, den traditionellen anatolischen Tanz. Inmitten der Hochzeitsgesellschaft zündete ein Selbstmordattentäter, es war vermutlich ein Kind von vielleicht zwölf Jahren, eine Bombe. Es nahm sich selbst und 54 weiteren Menschen das Leben – die meisten waren noch Kinder wie der Selbstmordattentäter selbst. Die Liebe zweier junger Menschen wurde unter Dutzenden von Leichen begraben. Gaziantep, die Stadt, die das Leid nicht wieder loswerden wird, ist innerhalb von vierundzwanzig Stunden zum Schauplatz des schlimmsten Leids geworden, das man kleinen Körpern antun kann.

          Grenzenloser Schmerz: eine trauernde Frau nach dem Anschlag in Gaziantep.

          In diesem Land kennt das Leid weder Regel noch Reihe. Es gibt bei uns ein schönes Sprichwort, das genau das Gegenteil will: „Gebe Gott einen Tod der Reihe nach.“ Damit wird die Hoffnung ausgedrückt, dass Eltern nicht vor ihren Kindern sterben, sondern jede Generation der Reihe nach abtritt. Die Türkei aber ist eines der Länder mit der höchsten Rate von Kinderbestattungen. Dies ist das Land, in dem die Eltern von Opfern der Polizeigewalt während der Gezi-Proteste 2013 einen Verein gründeten und sich seitdem gegenseitig bei den Beerdigungen ihrer Kinder besuchen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

          In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.
          Thomas Griesel, 34, mittlerweile Chef von 7000 Hello-Fresh-Mitarbeitern in 14 Ländern

          Hello Fresh : „Wir können noch mehrere hundert Prozent wachsen“

          Hello Fresh ist der Shootingstar am deutschen Aktienmarkt. Gründer und Vorstandsvorsitzender Thomas Griesel spricht im Interview über hungrige Bauarbeiter, Gewinne durch Corona und sein Verständnis als Weltmarktführer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.