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Brief aus Istanbul : Youtuber, auf euch wartet Verdammnis

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Trotz des sozialen und ökonomischen Drucks, trotz der Religionisierung der Bildungspolitik und der Social-Engineering-Bestrebungen kommt das „Projekt fromme Generation“ jedoch nicht in Gang. Sämtliche Studien weisen bei steigendem Bildungsniveau eine sinkende Tendenz aus, AKP zu wählen. Einer neuen Studie des Umfrageinstituts Konda zufolge, eines der vertrauenswürdigsten im Land, nimmt die Jugend – entgegen Erdogans Erwartungen – Abstand von Frömmigkeit. Offiziell wird diese Studie erst im Januar vorgestellt, doch die ersten Kapitel sind bereits bekannt. Sowohl in den Metropolen als auch in den ländlichen Gebieten wurden rund siebentausend Personen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren befragt. Der Studie zufolge hält sich die Jugend heute weniger an religiöse Rituale als noch vor zehn Jahren. Beispielsweise sind junge Frauen heute weniger geneigt, Kopftuch zu tragen. Vor zehn Jahren sagten fünfzig Prozent der Befragten: „Ich verhülle mich auf keinen Fall.“ Heute sind es 58 Prozent. Die überwältigende Mehrheit der Jugend findet, nicht die Familien sollten den Ehepartner wählen, sondern man selbst.

Eine Verletzung der Rechte der Diener Gottes

Erdogan mag den Westen noch so sehr als Feind hinstellen, die jungen Leute geben auf die Frage, woran die Türkei sich ausrichten sollte, mehrheitlich eine andere Antwort: Sechzig Prozent verweisen auf Europa. In der von Repression und Zensur geprägten Türkei findet die Jugend ihre Freiheit in der virtuellen Welt. Sie verfolgt das Weltgeschehen stärker und artikuliert auch ihre Meinung freier. Der Studie zufolge nutzen 93 Prozent der Jugend soziale Medien.

Dieses Tableau macht jene, die eine „fromme Generation“ anstreben, natürlich nicht glücklich. Die Diyanet-Behörde verteufelt die sozialen Medien. Ihrem Experten Mustafa Soykök zufolge erwarten etwa Youtuber „im Jenseits“ schwere Zeiten. Er mahnt: „Die Kameras zeichnen das ganze Leben auf, beim Jüngsten Gericht werden die erfolgreichsten Youtuber festgestellt!“ Auch folgendes Statement stammt von der mit unseren Steuern finanzierten Diyanet-Behörde: „Ein Foto oder eine Information einer anderen Person ohne deren Zustimmung in den sozialen Medien zu teilen, solche Beiträge zu liken oder zu teilen ist eine Verletzung der Rechte der Diener Gottes.“

Für ihn ermitteln sie auch am Sonntag

Während Erdogans Geistliche jungen Leuten mit solchen Aussagen drohen, gönnt die Justiz den Intellektuellen keine Ruhe. Letzte Woche wurden zwei berühmte Komiker von Polizisten zur Aussage aus dem Haus geholt, nachdem sie Erdogan in einer Fernsehsendung kritisiert hatten. Der Tenor der Äußerungen von Metin Akpinar, 77, und Müjdat Gezen, 75, in der Sendung lautete: „Demokratie ist eine Regierungsform, in der Individuen ihre Zukunft aus freiem Willen bestimmen. Demokratie ist auch der einzige Weg, wie wir die Polarisierung überwinden und aus den Wirren herauskommen können. Schaffen wir das, wäre das wunderbar, es gäbe keinen Streit mehr, und wir kämen aus diesem Schlamassel heraus. Schaffen wir das aber nicht, wird, wie es in jedem Faschismus geschieht, der Führer womöglich an den Füßen aufgehängt, oder er stirbt vergiftet im Verlies. Vielleicht ereilt ihn auch ein schlimmes Ende nach dem Vorbild anderer Führer. Den Schaden aber werden wir haben, wir gehen dabei zugrunde.“

Die Sendung lief am Freitagabend. Erdogan nahm die Worte als gegen ihn gerichtete Drohung auf, trat am nächsten Tag vor die Kameras und erklärte: „Die wollen mich offenbar an den Strick bringen! Möchtegern-Künstler sind das. Dafür werden sie bezahlen!“ Unsere „unabhängige“ Justiz, die normalerweise am Wochenende pausiert, verstand Erdogans Worte als Befehl und leitete noch am Sonntag Ermittlungen wegen „Anstiftung zum Umsturz und Präsidentenbeleidigung“ gegen die beiden Künstler ein. Am Montagmorgen wurden sie von Polizisten zur Aussage vor den Haftrichter gebracht. Unter der Auflage, sich wöchentlich bei der Polizei zu melden, kamen sie auf freien Fuß, Auslandsreisen wurden ihnen allerdings untersagt. Am Freitag lief die Sendung, am Samstag drohte Erdogan, am Sonntag wurde ermittelt, am Montag entschied der Haftrichter. Da schämen sich aber alle, die sagen, die Mühlen der türkischen Justiz würden langsam mahlen!

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