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Brief aus Istanbul : Wirtschaft? Das hat der doch studiert

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Familiäre Geste: Berat Albayrak legt seinem Schwiegervater Recep Tayyip Erdogan Anfang April 2017 bei einer Veranstaltung für das Verfassungsreferendum in der Stadt Rize einen Schal um die Schultern. Bild: dpa

Präsident Erdogan sieht die „oligarchische Bürokratie“ als Grund für wirtschaftliche Schwierigkeiten und will das Land führen wie ein Familienunternehmen. Er scheint es eher wie einen Bauernhof zu führen.

          Irgendwie gelingt es Recep Tayyip Erdogan, dem ersten gewählten Sultan der Türkei, Opfer aller Probleme zu sein, zu denen es unter seiner Regierung kommt. Als würde nicht er das Land seit sechzehn Jahren regieren, kritisiert er es ständig wie eine Oppositionspartei. Sätze wie „Man hat mich verraten“, „Wir wurden jahrelang unterdrückt“, „Man hat mir Unrecht getan“ benutzt er nicht nur für die Jahre vor seinem Regierungsantritt. Auch seine Fehler bei der Leitung des Landes wischt er mit Äußerungen wie „Ich wurde betrogen“ beiseite. Ständig beklagt unser Staatspräsident, hereingelegt worden zu sein.

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          Mal ist es der ehemalige amerikanische Präsident Obama, der ihn übers Ohr haute, mal der syrische Staatschef Assad. Und dann wieder sein Ex-Partner Fethullah Gülen. Als die Gülenisten, mit denen er etliche Jahre in der Staatsführung kooperierte, ihn stürzen wollten, tat Erdogan wiederum so, als träfe ihn keinerlei Verantwortung. Wir könnten natürlich darüber reden, wie irgendein Staatsmann zum Opfer wird, weil man ihn zu stürzen versucht. Doch kann ein Politiker, der beinahe zehn Jahre lang mit den Putschisten koalierte und, wie er selbst es ausdrückte, „ihnen gab, was sie verlangten“, nur Opfer sein?

          Trägt er keinerlei Verantwortung dafür, Sicherheits- und Justizapparat fast vollständig den Gülenisten unterstellt zu haben? Wer hatte denn die Offiziere befördert, die am 15. Juli 2016 den Umsturzversuch unternahmen? Dennoch wollte Erdogan, dass man ihn als Opfer betrachtete. In seinem Statement nach dem Coup positionierte er sich als Opfer: „Trotz allem bedauere ich, das wahre Gesicht dieser falschen Organisation nicht viel früher aufgedeckt zu haben. Ich weiß, dass wir dafür vor Gott und vor der Nation Rechenschaft ablegen müssen. Mögen Gott und meine Nation mir verzeihen.“

          Die Türkei führen wie einen Bauernhof

          Um seine Wählerstimmen zu konsolidieren, sagt unser Staatspräsident: „Die ganze Welt ist gegen uns“, und schürt damit Feindseligkeit gegenüber dem Ausland. Am Tag darauf aber unterzeichnet er Abkommen mit den Staatschefs dieser Welt. Er bezichtigt die Vereinigten Staaten, mit Terroristen zusammenzuarbeiten – am nächsten Tag setzt er seine Unterschrift unter den bislang größten Flugzeugeinkauf aus Amerika. Deutschland wirft er die Nazi-Vergangenheit vor, anschließend empfängt er Merkel auf dem vergoldeten Sessel.

          Bülent Mumay

          Neuerdings ist die Verwaltung das Ziel der heftigsten Klagen des Allzeitopfers Erdogan. Er regiert das Land allein, legt aber sämtliche Misserfolge der „oligarchischen Bürokratie“ zur Last. Er meint: „Wie man ein Familienunternehmen führt, so muss auch die Türkei geführt werden.“ Es sieht ganz danach aus, dass er diese Idee jetzt dank des Wahlsiegs umsetzen wird. Allerdings weist das Anfang vergangener Woche vorgestellte Kabinett darauf hin, dass er die Türkei nicht wie ein Unternehmen, sondern wie einen Bauernhof führen will.

          Der Präsidentenpalast als Holding

          Generalstabschef Hulusi Akar, der den Putschversuch von 2016 nicht hatte verhindern können, wurde als Verteidigungsminister eingesetzt. Einige Monate vor dem Putsch war Akar Trauzeuge bei der Hochzeit einer Erdogan-Tochter. Die kleinere Pilgerfahrt Umra unternahm er gemeinsam mit dem Präsidenten. Unvergessen ist auch der letzte Gefallen, den Akar als Generalstabschef Erdogan tat: Er landete per Hubschrauber im Garten von Erdogans Parteigenosse Abdullah Gül, als möglich schien, dass dieser mit ihm um die Präsidentschaft konkurrieren würde.

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