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Brief aus Istanbul : Wie sollen sie jetzt ihre Familien ernähren?

  • -Aktualisiert am

Aus Protest gegen die Entlassungen legen Akademiker an der Universität von Ankara im Februar ihre Roben auf die Straße. Bild: Picture-Alliance

Weil sie einen Friedensaufruf unterzeichnet haben, stößt der türkische Staat Hunderte Akademiker ins Elend. Einer von ihnen wird bezichtigt, die Organisation zu unterstützen, die seinen Vater tötete.

          Abdullah Öcalan begann schon 1980, einer in Ankara sprießenden politischen Bewegung eine bewaffnete Struktur zu geben, vor allem in Syrien und im Bekaa-Tal im Libanon. Im türkischen Südosten formierte sich gleichzeitig eine Gruppe, die sich in Anlehnung an Öcalans Namen als „Apo-Anhänger“ (Apocular) bezeichnete. Später nannte sie sich PKK und nahm 1984 mit der Forderung nach Unabhängigkeit den Kampf auf. Es war der Auftakt zum 18. kurdischen Aufstand in der Geschichte der türkischen Republik.

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          Die Regierung der 1980 unter Kriegsrecht stehenden Türkei ging im Südosten des Landes gegen die „Apo-Anhänger“ vor. Am 20. März 1980 kam es in der Provinz Mardin, nur eine Autostunde von der syrischen Grenze entfernt, zu einem Gefecht. Unter den Soldaten, die getötet wurden, war der Hauptmann Bekir Bayraktar. Er war einer der ersten Gefallenen in diesem Krieg und hinterließ seine junge Ehefrau und den fünf Jahre alten Sohn Ulas. Sie kehrten mit dem in die türkische Flagge gehüllten Sarg in ihre Heimatregion in der Westtürkei zurück. Viele weitere Särge und persönliche Tragödien sollten folgen.

          Gegen die vielen Todesopfer, gegen die Gewalt

          Seither sind 37 Jahre vergangen, und der Kurdenkonflikt hat unzählige Leben gekostet. Lange schien ein Frieden unmöglich, doch dann ließen Friedensverhandlungen der Regierung mit der PKK Hoffnung keimen. Der Frühling war von kurzer Dauer. Um seinen Traum von einem Präsidialsystem zu verwirklichen, kippte Erdogan den Friedensprozess. In Provinzen, in denen vorwiegend Kurden leben, flammten die Kämpfe zwischen der Armee und zur PKK gehörenden Gruppierungen wieder auf. Das Töten und Sterben begann von neuem.

          Eine Gruppe von Akademikern beschloss, die Stimme zu erheben: gegen die mitunter monatelangen Ausgangssperren im türkischen Südosten, gegen die vielen Todesopfer, gegen die Gewalt. Im Januar 2016 veröffentlichten 1128 in der Türkei und an renommierten Universitäten im Ausland lehrende türkische Wissenschaftler eine Erklärung mit dem Titel: „Wir machen uns bei diesem Verbrechen nicht zum Komplizen“. Ihr teilweise scharf formulierter Text forderte den Staat auf, das „gegen die Regionalbevölkerung geführte Massaker“ und die „bewusste Politik der Vertreibung“ zu beenden. Auch für die Aufhebung der Ausgangssperren und die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen sprachen sich die Wissenschaftler aus.

          Mittellos auf der Straße

          Die Reaktion des Staates auf die später als „Akademiker für den Frieden“ bekannt gewordene Erklärung war heftig. Erdogan empörte sich, dass sie keine Kritik an der PKK enthalte, und bezichtigte die Unterzeichner des Verrats. Angesichts dessen konnten die Universitätsleitungen und die Justiz nicht tatenlos bleiben. Die Wissenschaftler wurden mit Disziplinarverfahren und strafrechtlichen Ermittlungen drangsaliert. Bis zum Putschversuch am 15. Juli 2016 blieben größere Sanktionen jedoch aus. Einige Rektoren bemühten sich sogar, die Angelegenheit herunterzukühlen.

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          Nach dem Putschversuch wurde der Justiz und den Universitätsverwaltungen die Sache aus der Hand genommen. Der Ausnahmezustand ermöglichte es der Regierung, Wissenschaftler, die den Friedensaufruf unterzeichnet hatten, per Dekret der Reihe nach aus den Universitäten zu entfernen. Sämtliche Oppositionelle wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen, Hunderte Wissenschaftler gekündigt. Karrieren, die sie sich aufgebaut hatten, wurde wegen ihrer Unterschrift unter eine Erklärung mit einer einzigen Unterschrift beendet. Die Betroffenen wurden arbeitslos, ohne auf eine neue Stelle hoffen zu können. Sie fanden sich mittellos auf der Straße wieder. Ohne Gehalt, ohne Abfindung.

          Mit fünf den Vater verloren, heute die Perspektive

          In der derzeitigen Atmosphäre im Land ist kaum jemand bereit, eine Person einzustellen, die wegen des Vorwurfs, Putschist oder Separatist zu sein, ihre Arbeit verloren hat. Auch Universitäten im Ausland scheiden für die Wissenschaftler aus, da ihnen die Pässe entzogen worden sind – genauso ihren Ehepartnern und -partnerinnen. Manch einer arbeitet aus Verzweiflung als Setzer in einem Verlag, andere verdingen sich als Straßenhändler und verkaufen Pilaw, ein Reisgericht, an Passanten. Während der Anführer einer kriminellen Bande, der den „Akademikern für den Frieden“ angedroht hatte, „ihr Blut in Strömen fließen“ zu lassen, frei herumläuft, ist eine Lehrerin zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt worden, weil sie in einer Fernsehsendung angerufen und gesagt hatte: „Es sollen keine Kinder sterben.“

          Bülent Mumay

          1128 Akademiker hatten ihre Namen unter die Erklärung gesetzt, damit nicht noch mehr Kinder wie Ulas, der Sohn des gefallenen Hauptmanns Bayraktar, vaterlos aufwachsen müssen. Sie sind nun nicht mehr in der Lage, ihre Kinder zu ernähren. Einer der „Akademiker für den Frieden“, die es in der vergangenen Woche getroffen hat, ist der Privatdozent Ulas Bayraktar. Auch er, der als Fünfjähriger den Vater im Kampf gegen die PKK verlor, hatte die Erklärung unterzeichnet. Seine Frau, die ebenfalls Wissenschaftlerin ist, hat auch ihre Stelle verloren. Das Paar steht mit zwei Kindern mittellos da, trotzdem scheint Ulas Bayraktar nicht wütend zu sein. Besorgten Freunden schrieb er in den sozialen Medien: „Ich bin nicht böse, empfinde keine Wut. Ich bin ja gefeit, ich glaube, es gelingt mir irgendwie, den Konflikt, der mir mit fünf Jahren den Vater nahm, nicht mit Hass und Rachegelüsten zu betrachten.“

          Zehntausende Kinder wie er

          Ulas Bayraktar wird bezichtigt, die Organisation zu unterstützen, die seinen Vater tötete. Weil er zu den Unterzeichnern der Erklärung gehört, ist eine Parkanlage zerstört worden, die den Namen seines gefallenen Vaters trug. Der Sohn setzt sich für den Frieden ein. Die in der Türkei bei jeder Beerdigung von gefallenen Soldaten skandierte Parole „Gefallene sterben nicht“ kommentierte er so: „Vielleicht ist der Gefallene Bekir Bayraktar nicht gestorben. Mein Vater Bekir Bayraktar allerdings ist gestorben. Und ich habe keine Blutfehde daraus gemacht. Ich habe nicht gesagt, die Sache setzt sich fort, bis die kurdische Bewegung, die das Blut meines Vaters vergossen hat, ausgerottet ist.“ Auf die Frage, wie sein Vater wohl auf das Engagement des Sohnes reagiert hätte, sagte er: „Hätte er ein Leben gewollt, in dem ich 37 Jahre später um meine Kinder fürchten muss, oder hätte er ein gerechtes Leben in Frieden für seine Kinder und Enkel gewollt? Wofür ist mein Vater gestorben? Hätten wir in 37 Jahren nicht Fortschritte gemacht, wenn diese Sache wirklich mit dem Tod von Soldaten und Zivilisten zu lösen wäre?“

          In den vergangenen 37 Jahren sind 7000 Bedienstete des Staates, 40.000 PKK-Anhänger und 16.000 Zivilisten getötet worden. Sie hinterließen Zehntausende Kinder wie Ulas. Schließen wir mit der Frage, die er als Erwachsener stellte: Wie weit ist es bloß mit uns gekommen?

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