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Brief aus Istanbul : Wie sollen sie jetzt ihre Familien ernähren?

  • -Aktualisiert am

Mit fünf den Vater verloren, heute die Perspektive

In der derzeitigen Atmosphäre im Land ist kaum jemand bereit, eine Person einzustellen, die wegen des Vorwurfs, Putschist oder Separatist zu sein, ihre Arbeit verloren hat. Auch Universitäten im Ausland scheiden für die Wissenschaftler aus, da ihnen die Pässe entzogen worden sind – genauso ihren Ehepartnern und -partnerinnen. Manch einer arbeitet aus Verzweiflung als Setzer in einem Verlag, andere verdingen sich als Straßenhändler und verkaufen Pilaw, ein Reisgericht, an Passanten. Während der Anführer einer kriminellen Bande, der den „Akademikern für den Frieden“ angedroht hatte, „ihr Blut in Strömen fließen“ zu lassen, frei herumläuft, ist eine Lehrerin zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt worden, weil sie in einer Fernsehsendung angerufen und gesagt hatte: „Es sollen keine Kinder sterben.“

Bülent Mumay

1128 Akademiker hatten ihre Namen unter die Erklärung gesetzt, damit nicht noch mehr Kinder wie Ulas, der Sohn des gefallenen Hauptmanns Bayraktar, vaterlos aufwachsen müssen. Sie sind nun nicht mehr in der Lage, ihre Kinder zu ernähren. Einer der „Akademiker für den Frieden“, die es in der vergangenen Woche getroffen hat, ist der Privatdozent Ulas Bayraktar. Auch er, der als Fünfjähriger den Vater im Kampf gegen die PKK verlor, hatte die Erklärung unterzeichnet. Seine Frau, die ebenfalls Wissenschaftlerin ist, hat auch ihre Stelle verloren. Das Paar steht mit zwei Kindern mittellos da, trotzdem scheint Ulas Bayraktar nicht wütend zu sein. Besorgten Freunden schrieb er in den sozialen Medien: „Ich bin nicht böse, empfinde keine Wut. Ich bin ja gefeit, ich glaube, es gelingt mir irgendwie, den Konflikt, der mir mit fünf Jahren den Vater nahm, nicht mit Hass und Rachegelüsten zu betrachten.“

Zehntausende Kinder wie er

Ulas Bayraktar wird bezichtigt, die Organisation zu unterstützen, die seinen Vater tötete. Weil er zu den Unterzeichnern der Erklärung gehört, ist eine Parkanlage zerstört worden, die den Namen seines gefallenen Vaters trug. Der Sohn setzt sich für den Frieden ein. Die in der Türkei bei jeder Beerdigung von gefallenen Soldaten skandierte Parole „Gefallene sterben nicht“ kommentierte er so: „Vielleicht ist der Gefallene Bekir Bayraktar nicht gestorben. Mein Vater Bekir Bayraktar allerdings ist gestorben. Und ich habe keine Blutfehde daraus gemacht. Ich habe nicht gesagt, die Sache setzt sich fort, bis die kurdische Bewegung, die das Blut meines Vaters vergossen hat, ausgerottet ist.“ Auf die Frage, wie sein Vater wohl auf das Engagement des Sohnes reagiert hätte, sagte er: „Hätte er ein Leben gewollt, in dem ich 37 Jahre später um meine Kinder fürchten muss, oder hätte er ein gerechtes Leben in Frieden für seine Kinder und Enkel gewollt? Wofür ist mein Vater gestorben? Hätten wir in 37 Jahren nicht Fortschritte gemacht, wenn diese Sache wirklich mit dem Tod von Soldaten und Zivilisten zu lösen wäre?“

In den vergangenen 37 Jahren sind 7000 Bedienstete des Staates, 40.000 PKK-Anhänger und 16.000 Zivilisten getötet worden. Sie hinterließen Zehntausende Kinder wie Ulas. Schließen wir mit der Frage, die er als Erwachsener stellte: Wie weit ist es bloß mit uns gekommen?

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