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Brief aus Istanbul : Wir sind das wütendste Land in Europa

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan Mitte Juli in Istanbul Bild: EPA

Erdogan hetzt Menschen gegeneinander auf und raubt uns die psychische Gesundheit. Für die Verarmung der Türkei hat die Religionsbehörde eine neue Erklärung.

          5 Min.

          Wir sind mediterrane Menschen, daher unser Temperament, sehen Sie uns das bitte nach. Seit eh und je sieht unser Puls wie auch unser Ärger nicht anders aus als unser EKG. Schnell sind wir begeistert, schnell betrübt und regen uns ebenso schnell auch auf. In den letzten Jahren sind wir offenbar noch einmal so mediterran, noch einmal so aufgebracht. Sind im Handumdrehen bereit, das Schwert aus der Scheide zu ziehen.

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          Ob am Arbeitsplatz, im Schoß der Familie, im sozialen Leben, beim Einkaufen, im Verkehr oder in der virtuellen Welt, wir gleichen einer Bombe kurz vor der Explosion. Vor allem was wir in den letzten zehn Jahren mitgemacht haben, hat uns in eine noch unglücklichere Gesellschaft mit noch höherer Anspannung verwandelt, in der einer dem anderen unerträglich ist. Die Politik der Spaltung, die Erdogan auf die Spitze treibt, hat uns gegeneinander aufgehetzt. .

          Als dann noch der Stress durch die Wirtschaftskrise hinzukam, haben wir allesamt unsere psychische Gesundheit eingebüßt. Dem jüngsten Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge stehen Medikamente für die Nerven auf Platz zwei der Bestsellerliste. Im Jahr 2020 wurden 320 Millionen Schachteln Medikamente verkauft, die bei „Depression, Schizophrenie, Unruhe und Beklemmungen“ zur Anwendung kommen. Und das bei einer Einwohnerzahl von 84 Millionen!

          Eine neue Ausrede für die Explosion der Inflation

          Der jüngste Gallup-Emotions-Report deckt auf, warum der Konsum von Nervenmedizin in der Türkei explodiert ist: 48 Prozent der Erwachsenen gaben an, täglich mindestens einmal wütend zu werden. Damit sind wir das wütendste Land in Europa. Im globalen Maßstab sind wir Zweiter hinter Libanon. Und bei Stress und Traurigkeit sind wir weltweit Dritter. Es ist also kein Zufall, dass die Verkäufe von Psychopharmaka für die seelische Gesundheit in den letzten zehn Jahren um 70 Prozent angestiegen sind. Wir müssen uns beruhigen, und zwar extrem. Doch das Geschehen im Land deutet darauf hin, dass wir noch erheblich mehr Medikamente zur Beruhigung brauchen werden. Im Juli wurde die jährliche Inflationsrate mit 79,6 Prozent veröffentlicht. Was wir in der Realität spüren, ist weit mehr. Der Beweis dafür? Ich sage nur: Der Leiter der zuständigen Behörde ging am Tag, bevor die Zahlen der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden, in den Palast. Die unabhängigen Akademiker konstatierten: „Die tatsächliche Inflation liegt bei 176 Prozent.“ Da verstehen Sie wohl, inwieweit die vom Palast verkündeten 79,6 Prozent die Realität abbilden.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Selbst wenn Sie die manipulierten Zahlen zugrunde legen, merken Sie, in welch rasantem Tempo unser Brot schrumpft. Im Juli vor einem Jahr lag die Inflation unter 19 Prozent, jetzt liegt sie bei nahezu 80 Prozent. Hören Sie dem Chef der Zentralbank zu, dem vierten von Erdogan innerhalb der letzten vier Jahre installierten, wird die Inflation 2023 – im Wahljahr – sinken. Wie gern würden wir daran glauben. Doch was wir erleben, lässt das kaum zu. Derselbe Zentralbankchef hatte im letzten Jahr für Ende 2022 eine Inflationsrate von 7,8 Prozent prognostiziert. Angesichts der einbrechenden Wirtschaft erhöhte er die Voraussage auf 60,4 Prozent, wich also um 674 Prozent von der ursprünglichen Schätzung ab.

          Deshalb scheint nun auch die Erwartung von 60,4 Prozent kaum realistisch. Was wir in den Geschäften und auf den Märkten sehen, bestätigt unseren Zweifel. Nur so viel: Die Teuerung beim Speiseöl hat die für Gold überholt. Vielleicht erinnern Sie sich, ich hatte schon davon berichtet, dass mittlerweile selbst Babynahrung in den Geschäften mit Alarm gesichert ist. Wollen Sie damit, ohne zu zahlen, aus dem Laden gehen, bricht die Hölle los.

          Beschweren Sie sich über diese beschämende Lage, über die Wirtschaftskrise oder über Erdogans das Land in die Armut stürzende Politik, schiebt der Regierungsflügel einen Sündenbock vor. Zuerst werden „ausländische Kräfte“ bezichtigt, Länder, die „nicht wollen, dass die Türkei sich entwickelt“, meistens geht es gegen den Westen, ohne dass Namen genannt werden. Zieht dieses Material nicht mehr, werden Supermarktketten als vermeintlich Verantwortliche für die Teuerung zur Zielscheibe. Strafen von einigen Dutzend Millionen Euro werden verhängt.

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