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Brief aus Istanbul : Wie man eine Moschee aus dem Hut zaubert

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„Das ist ein einziges Ränkespiel“: Erdogans Kalkül hinter der Hagia Sofia-Entscheidung Bild: AP

Erdogans Kehrtwende in Sachen Hagia Sophia kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der türkische Präsident die Probleme seines Landes nicht mehr löst, sondern nur noch verschleiert.

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          Vor zwei Jahren etwa um diese Zeit standen wir vor den Wahllokalen Schlange, um unsere Stimmzettel in zwei Wahlurnen zu werfen. Wählen sollten wir die neuen Mitglieder des Parlaments, dessen Einfluss und Macht beschnitten worden waren, und den quasi mit sultansgleichen Kompetenzen ausgestatteten ersten Staatspräsidenten nach dem neuen System. Was war uns in der Wahlkampagne nicht alles versprochen worden! Dank des von Erdogan eingeführten „Präsidialsystems à la turca“ sollte der Staat effizienter arbeiten, die Demokratie sich weiterentwickeln, Inflation und Arbeitslosigkeit zurückgehen. Vor lauter Begeisterung behauptete die Regierung gar, mit dem neuen System würde die Türkei fliegen. „Gebt eurem Bruder die Kompetenzen und seht, was aus dem Dollar und den Zinsen wird und wie die Türkei abhebt!“, hatte Erdogan auf den Kundgebungen gesagt, die er abhielt, um erster gewählter Sultan zu werden.

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          Die konservativen Wähler sahen es Versprechen regnen und wollten die Situation nutzen, um einen jahrelangen Traum gleich mit unterzubringen. Immer wieder fragten sie Erdogan, wann die von Atatürk zum Museum erklärte Hagia Sophia wieder eine Moschee sein würde. Um Stimmen zu holen, versprach Erdogan auf beinahe jedem Gebiet das Blaue vom Himmel herunter, ging es aber um die historischen Kirchen, legte er nüchternen Realismus an den Tag. Vor den jüngsten Kommunalwahlen hatte er den Verfechtern einer Umwandlung der Hagia Sophia noch gesagt: „Lassen wir uns auf diese Finten nicht ein. Das ist ein einziges Ränkespiel.“ Ein anderes Mal hatte er darauf hingewiesen, dass die Umwandlung historischer Kirchen in Moscheen einen Preis haben würde, und gemahnt: „Das könnte uns teuer zu stehen kommen. Haben jene, die die Hagia Sophia für das Gebet öffnen wollen, einmal überlegt, was dann mit unseren Moscheen im Ausland geschieht? Als politischer Führer bin ich nicht so weit vom Kurs abgekommen, auf diese Finte hereinzufallen.“

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Wie aber kommt es, dass Erdogan plötzlich seine Meinung geändert hat? Hat er sich vom „Ränkespiel“, wie er es nannte, umgarnen lassen? Oder hat er sich in einen „vom Kurs abgekommenen“ Politiker verwandelt? Um dahinterzukommen, brauchen wir keine tiefen politischen oder diplomatischen Analysen anzustellen oder nach Verschwörungstheorien zu suchen. Um die Wende in Sachen Hagia Sophia zu verstehen, reicht es, in allgemein zugänglichen Quellen nachzuschauen, was aus den Versprechen von vor zwei Jahren geworden ist.

          Werfen wir einen Blick auf die Daten der Wirtschaft. Im Juli 2018 lag der Dollar-Kurs bei 4,73 Lira, heute bei 6,9. Für einen Euro bekam man vor der Wahl 5,4 türkische Lira, heute 7,8. Die Inflation, die auf einen einstelligen Wert sinken sollte, ist offiziellen Angaben zufolge auf nahezu dreizehn Prozent geklettert. Gehen Sie einkaufen, sehen Sie allerdings, dass die reale Inflation beinahe vierzig Prozent beträgt. 2018 lag die Arbeitslosenrate bei zehn Prozent, heute offiziell bei vierzehn. Das tatsächliche Bild ist indes weit schlimmer. In den zwei Jahren unter Erdogans neuem Präsidialsystem hat das Heer der Arbeitslosen die arbeitende Bevölkerung überholt. Etwa 20,5 Millionen Arbeitnehmern stehen 22,8 Millionen Arbeitslose gegenüber.

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