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Brief aus Istanbul : Wer Silvester feierte, ist ein Sünder

  • -Aktualisiert am

Feuerwerk über dem Bosporus: die Silvesternacht in Istanbul Bild: Picture-Alliance

Was nicht religiös ist, passt nicht in die neue Türkei: Regierung und die Glaubensbehörde Diyanet fahren schwere Geschütze auf, bis hin zur Drohung mit einem Terroranschlag.

          Das autokratische System des politischen Islams, das die Türkei heute im Griff hat, ist nicht über Nacht gekommen. Was wir heute erleben, sind Konsequenzen diverser Umstände, etwa aus von den Osmanen geerbten, nie richtig beglichenen Rechnungen, aus Versuchen rechtsgerichteter Regime, mit religiöser Rhetorik ihre Macht zu begründen, aus Zugeständnissen an islamistische Gruppen und auch aus mancherlei Fehlern in der Gründerideologie der Republik.

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          Beste „Nahrungsquelle“ für die Ausbreitung der Islamisten im Land war natürlich die Religion. Die Islamisten, der laizistischen Republik feindlich gesinnt, strebten eine Ordnung an, in der die Religion sämtliche Lebensbereiche regelt. Also richteten sie ihre Propaganda daran aus, ob ein Konzept islamisch oder unislamisch war. In zahlreichen Bereichen wie der Koedukation an Schulen oder der Teilnahme von Frauen am Erwerbsleben meldeten sie religiös begründete Vorbehalte an. Und sie waren entschlossen, auf alle Bereiche, in denen sie Einfluss hatten oder künftig haben würden, in gleicher Weise einzuwirken.

          Es ging ihnen nicht nur darum, Bildung oder Politik im Sinne eines religiösen Diskurses neu zu gestalten. Auch ins Alltagsleben wollten sie den Islam verstärkt einbringen und Bräuche, die ihnen „unislamisch“ erschienen, abschaffen. Zur Tradition gewordene Rituale und Feiern sollten im Sinne der Religion neu geordnet werden. Besonders im Visier haben sie bis heute das Silvesterfest.

          Bülent Mumay

          Bewusst taten die Islamisten so, als wären christliches Weihnachtsfest und Silvester ein und dasselbe. Wer Silvester feierte, wurde bezichtigt, sich von der muslimischen Religion zu entfernen und christliche Bräuche einzuführen. Dabei war es in vielen Kreisen auch in der Türkei üblich, das neue Jahr mit einem Countdown vor Mitternacht zu begrüßen. In der „alten Türkei“, der Präsident Erdogan den Kampf erklärt hat, kamen die Familien zu Hause zusammen, es wurde gut gekocht und gegessen. Man hielt sein Lotterielos parat und wartete aufgeregt auf die Tänzerin, die, solange wir noch keine konservative Regierung hatten, kurz vor Mitternacht auf dem Bildschirm erschien.

          Träume der Islamisten, von der Regierung artikuliert

          Auf diesen Brauch hatten es die Islamisten abgesehen, sie diffamierten ihn als unislamisch. Als das nichts nützte, erfanden sie eine alternative Silvesterfeier. Die Milli-Görüs-Bewegung, der Erdogan entstammt, wandelte den 31. Dezember kurzerhand in die „Feier der Eroberung Mekkas“ um. Davon wusste man zuvor weder in Mekka noch in der Geschichtsschreibung. Die islamische Welt feiert ihre Feste nach dem islamischen Kalender, nun aber legten die türkischen Islamisten das Datum der Eroberung Mekkas 629/30 auf den 31.Dezember nach gregorianisch-christlichem Kalender, um eine Alternative zu Silvester installieren zu können. Die Eroberung fand aber nach dem westlichen Kalender gar nicht am 31. Dezember, sondern am 11. Januar statt.

          Aber dieses fingierte Fest trug keine Früchte. Privat feierte man weiter Silvester mit Tombola und Countdown zu Mitternacht. Als die Ideologie des politischen Islams aber erstarkte und von Mitte der neunziger Jahre an zunehmend Einfluss auf die Kommunalverwaltungen gewann, zeigten sich die Auswirkungen der Kampagnen zunächst im Stadtbild: Bald gab es keine Silvesterfeiern auf öffentlichen Plätzen mehr, ebenso verabschiedeten wir uns von festlich geschmückten Straßen. Mit der Übernahme der Regierung durch die islamistische Autokratie wurden dann häusliche Silvesterfeiern zur Sünde erklärt. Heute werden die Träume der Islamisten, die früher in Nebengassen Handzettel mit durchkreuztem Weihnachtsmann verteilten, von der Regierung artikuliert.

          Sie küssen sich gar!

          Wenige Monate vor dem jüngsten Jahreswechsel verkündete die unter der Fuchtel des Präsidentenpalastes stehende Religionsbehörde Diyanet, Silvester feiern sei eine der schwersten Sünden überhaupt. Das Diyanet, das über viermal so viel Mittel verfügt wie das Ministerium für Wissenschaft, Industrie und Technologie, schmähte Silvesterfeiernde als „Giaure“, also als Ungläubige. Diese Menschen müssen sich von einer mit ihren Steuern finanzierten Behörde des Abfalls vom Glauben bezichtigen lassen. Zu Fällen von Kindesmissbrauch in Wohnheimen islamistischer Sekten, zu Enthauptungen im Namen der Religion oder zu Korruption schwiegen die Offiziellen, aber das neue Jahr willkommen zu heißen gilt ihnen als schwere Sünde.

          Auch sie aber dürften erkennen, dass es trotz aller konservativen Repressalien ein bloßer Traum bleibt, Land und Gesellschaft nach religiösen Regeln zu lenken. Ein „mit Bedauern“ abgegebenes Statement der Diyanet-Behörde belegt, dass der natürliche Fluss des Lebens unumkehrbar ist: „Mit Bedauern sehen wir auf Straßen voller Menschen selbst in den nationalistisch-konservativen Städten Anatoliens junge Leute in enger Umarmung herumlaufen, ja, gar sich küssen.“

          Eine brutale Drohung gegen Oda TV

          Dass die Leute, die unser Leben islamisch gestalten wollen, sich in alles Mögliche einmischen, vom Silvesterfeiern bis hin zu Umarmungen in der Öffentlichkeit, überrascht leider nicht. Doch eine Drohung, die ein Diyanet-Angestellter letzte Woche vom Stapel ließ, zeigte, dass die bisherigen Repressionen und Drohungen im Namen der Religion noch gar nichts waren. Wir wussten schon immer, dass es seinen Preis hat, in diesem Land anders zu denken. Doch in der Geschichte unserer „Demokratie“ war es wohl das erste Mal, dass ein staatlich besoldeter Imam einer Presseeinrichtung mit einem Massaker drohte.

          Das einflussreiche Nachrichtenportal Oda TV publizierte kürzlich einen Artikel des Theologen Nazif Ay. Darin sprach sich der Autor dagegen aus, den Begriff „Dschihad“ in schulische Lehrpläne aufzunehmen, und listete bedenkliche Beispiele aus Lehrbüchern auf. Wenig überraschend gab es daraufhin Proteste von ultrareligiösen Gruppen. Der Diyanet-Angestellte Ahmet Altinok verstieg sich zu einer brutalen Drohung gegen Oda TV: Mit Verweis auf das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ 2015 in Paris erklärte er, die Journalisten des Senders „hätten ausgedient“, und empfahl ihnen, ihren Sünden abzuschwören, „bevor sie sterben“.

          In dieser Sache zieht er es vor zu schweigen

          Das Diyanet empört sich über junge Leute, die sich in der Öffentlichkeit küssen, und mischt sich in unsere privaten Feierlichkeiten ein, sagt aber kein Wort dazu, dass einer seiner Mitarbeiter Journalisten mit einem Massaker droht. Und nicht allein das Diyanet schwieg dazu. Auch die Justiz, die gegen Twitterer ermittelt, regierungskritische Künstler von der Polizei vor Gericht zerren lässt und Akademiker wegen der Unterschrift auf einer Friedenspetition zu Haftstrafen verdonnert, sagte keinen Pieps.

          Auch Erdogan, der besser weiß als wir selbst, wie viele Kinder wir bekommen sollen, der entscheidet, wo wir unser Geld anlegen, der uns je nach Wahlverhalten zu Terroristen erklärt, der zu jedem Thema etwas zu sagen und zu wettern hat, zog es in dieser Sache vor zu schweigen. Gegen die Drohung mit einem Terroranschlag auf Journalisten unternahm Erdogan nichts, gleichzeitig versicherte er den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt: „Zieht euch nur aus Syrien zurück, den Kampf gegen den IS übernehmen wir.“ Schauen wir einmal, ob er mit diesem Kampf gleich einmal bei den eigenen Staatsangestellten beginnt...

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