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Brief aus Istanbul : Wer Silvester feierte, ist ein Sünder

  • -Aktualisiert am

Sie küssen sich gar!

Wenige Monate vor dem jüngsten Jahreswechsel verkündete die unter der Fuchtel des Präsidentenpalastes stehende Religionsbehörde Diyanet, Silvester feiern sei eine der schwersten Sünden überhaupt. Das Diyanet, das über viermal so viel Mittel verfügt wie das Ministerium für Wissenschaft, Industrie und Technologie, schmähte Silvesterfeiernde als „Giaure“, also als Ungläubige. Diese Menschen müssen sich von einer mit ihren Steuern finanzierten Behörde des Abfalls vom Glauben bezichtigen lassen. Zu Fällen von Kindesmissbrauch in Wohnheimen islamistischer Sekten, zu Enthauptungen im Namen der Religion oder zu Korruption schwiegen die Offiziellen, aber das neue Jahr willkommen zu heißen gilt ihnen als schwere Sünde.

Auch sie aber dürften erkennen, dass es trotz aller konservativen Repressalien ein bloßer Traum bleibt, Land und Gesellschaft nach religiösen Regeln zu lenken. Ein „mit Bedauern“ abgegebenes Statement der Diyanet-Behörde belegt, dass der natürliche Fluss des Lebens unumkehrbar ist: „Mit Bedauern sehen wir auf Straßen voller Menschen selbst in den nationalistisch-konservativen Städten Anatoliens junge Leute in enger Umarmung herumlaufen, ja, gar sich küssen.“

Eine brutale Drohung gegen Oda TV

Dass die Leute, die unser Leben islamisch gestalten wollen, sich in alles Mögliche einmischen, vom Silvesterfeiern bis hin zu Umarmungen in der Öffentlichkeit, überrascht leider nicht. Doch eine Drohung, die ein Diyanet-Angestellter letzte Woche vom Stapel ließ, zeigte, dass die bisherigen Repressionen und Drohungen im Namen der Religion noch gar nichts waren. Wir wussten schon immer, dass es seinen Preis hat, in diesem Land anders zu denken. Doch in der Geschichte unserer „Demokratie“ war es wohl das erste Mal, dass ein staatlich besoldeter Imam einer Presseeinrichtung mit einem Massaker drohte.

Das einflussreiche Nachrichtenportal Oda TV publizierte kürzlich einen Artikel des Theologen Nazif Ay. Darin sprach sich der Autor dagegen aus, den Begriff „Dschihad“ in schulische Lehrpläne aufzunehmen, und listete bedenkliche Beispiele aus Lehrbüchern auf. Wenig überraschend gab es daraufhin Proteste von ultrareligiösen Gruppen. Der Diyanet-Angestellte Ahmet Altinok verstieg sich zu einer brutalen Drohung gegen Oda TV: Mit Verweis auf das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ 2015 in Paris erklärte er, die Journalisten des Senders „hätten ausgedient“, und empfahl ihnen, ihren Sünden abzuschwören, „bevor sie sterben“.

In dieser Sache zieht er es vor zu schweigen

Das Diyanet empört sich über junge Leute, die sich in der Öffentlichkeit küssen, und mischt sich in unsere privaten Feierlichkeiten ein, sagt aber kein Wort dazu, dass einer seiner Mitarbeiter Journalisten mit einem Massaker droht. Und nicht allein das Diyanet schwieg dazu. Auch die Justiz, die gegen Twitterer ermittelt, regierungskritische Künstler von der Polizei vor Gericht zerren lässt und Akademiker wegen der Unterschrift auf einer Friedenspetition zu Haftstrafen verdonnert, sagte keinen Pieps.

Auch Erdogan, der besser weiß als wir selbst, wie viele Kinder wir bekommen sollen, der entscheidet, wo wir unser Geld anlegen, der uns je nach Wahlverhalten zu Terroristen erklärt, der zu jedem Thema etwas zu sagen und zu wettern hat, zog es in dieser Sache vor zu schweigen. Gegen die Drohung mit einem Terroranschlag auf Journalisten unternahm Erdogan nichts, gleichzeitig versicherte er den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt: „Zieht euch nur aus Syrien zurück, den Kampf gegen den IS übernehmen wir.“ Schauen wir einmal, ob er mit diesem Kampf gleich einmal bei den eigenen Staatsangestellten beginnt...

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