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Brief aus Istanbul : Wer am besten ablenkt, hat die größte Macht

  • -Aktualisiert am

Vor lauter AKP sehen die Türken bald ihr eigenes Land nicht mehr. Bild: dpa

Krise, Rezession, steigende Lebensmittelpreise? Die kommen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor den Kommunalwahlen äußerst ungelegen.

          In Anatolien gibt es zahlreiche Tricks von Taschendieben. Zu den interessantesten gehört das Modell „Guck mal, ein Seiltänzer“. Die Aufmerksamkeit der Menge auf der Straße wird auf einen Punkt gelenkt, etwa eine berstende Scheibe oder ein umkippendes Fahrrad. Richten sich aller Blicke darauf, mischen sich die Taschendiebe unter die Leute und stehlen ihnen die Brieftaschen. Kurz, während alle gebannt auf den Seiltänzer starren, haben Diebe leichtes Spiel.

          Was in den letzten Tagen in der Türkei inszeniert wird, hat starke Ähnlichkeit damit. Es geht natürlich nicht um Diebstahl, aber es wird meisterhaft versucht, die Tatsachen zu verschleiern, indem man die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf andere Dinge lenkt. Erdogan will mit seinen Getreuen die Kommunalwahlen um jeden Preis gewinnen, deshalb produzieren sie neue Polemiken, die die Nervenenden der Gesellschaft reizen, um die Tatsachen in den Schatten zu stellen.

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          In den von Erdogan nahezu vollständig kontrollierten Medien kommen Nachrichten über die Krise zwar nicht vor, die Bürger spüren sie aber beim Einkaufen sehr deutlich. Die Palliativmaßnahmen, die die Regierung zur Verdunkelung der Krise ergriffen hatte, blieben wirkungslos. Weder fruchtete es, billige Kredite von Staatsbanken auf die Märkte zu werfen, um die Flaute zu überwinden, noch auf städtischen Plätzen von staatlicher Hand Gemüse zu verkaufen, um die Lebensmittelpreise zu drücken.

          Der wahre Grund für die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe und die Wirtschaftsflaute kam durch eine kürzlich veröffentlichte Statistik ans Licht: Seit der globalen Krise 2009 steckt die Türkei zum ersten Mal in einer Rezession. Die Zahlen des letzten Quartals 2018 zeigen, dass die Wirtschaft das Jahr mit einer Schrumpfung von drei Prozent abschloss. Finanzinstitutionen wie JP Morgan gehen davon aus, dass die Rezession sich 2019 fortsetzt. Auch die Baubranche ist alarmiert. Mit der Verschärfung der Krise gingen Tausende mit Hypotheken belastete Immobilien in den Besitz der Banken über. Die Anzahl von Immobilien, die an Banken fielen, weil die Eigentümer ihre Kredite nicht mehr bezahlen konnten, hat sich verdoppelt.

          Erdogans Legitimität wird in Frage gestellt

          Erdogan und seine Leute fürchten, dass ihre Partei aufgrund der Krise ausbluten könnte, weshalb sie wenige Wochen vor den Kommunalwahlen das Stück „Guck mal, ein Seiltänzer“ abermals aufführen. Um die wahren Probleme des Landes von der Tagesordnung abzusetzen, erklärte er die Opposition regelrecht zum Feind und steigerte religiöse und nationalistische Rhetoriken bis zu gefährlichen Dimensionen. Dahinter steckt die Absicht, konservative Wähler davon abzuhalten, ihm den Rücken zu kehren. Am 8. März etwa warf er Frauen vor, deren Demonstration am Weltfrauentag in Istanbul mit Tränengas gestoppt wurde, den Gebetsruf ausgebuht zu haben. Aufzeichnungen der Veranstaltung widerlegen den Vorwurf allerdings eindeutig. Die Frauen demonstrierten auf der berühmten Istiklal-Straße in Istanbul, als die Polizei mit Gewalt gegen sie vorging, protestierten sie mit Trillerpfeifen, unmittelbar nach dem Pfeifkonzert setzte der Gebetsruf ein.

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