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Brief aus Istanbul : Weil sie Shorts trug, wurde die junge Frau verprügelt

  • -Aktualisiert am

Eine Moschee in Dolmabahce, in der Nähe von Besiktas wurde während der Zusammenstöße 2013 zwischen türkischen Bürgern und Polizei zum medizinischen Zentrum. Bild: Picture-Alliance

In der Türkei wird mit Lügen Politik gemacht, vor allem mit denen, die religiöse Gefühle verletzen. Präsident Erdogan weiß, wie das geht. Und warum er zu einem Vorfall aus der Vorwoche schweigt.

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          Die „große Lüge“ ist ein beliebtes und wirksames Propagandainstrument. Insbesondere in der Türkei, wo die gesellschaftliche Polarisierung auf die Spitze getrieben wird, schürt sie die Gefahr eines Bürgerkriegs. Die blutigsten Konflikte haben sich bei uns meistens an religiösen Spannungen entzündet. Politiker kennen diese gesellschaftliche Schwachstelle. Sie nutzen sie für ihre Ziele, sie richten ihre großen Lügen danach aus.

          Zwei Lügen aus der Zeit der Gezi-Proteste 2013, der ersten zivilen Erhebung gegen Erdogan, kalkulierten mit der religiösen Erregbarkeit. Kalkuliert sage ich an dieser Stelle ganz bewusst, denn die Terminierung der Lügen wie auch ihre Wirklichkeitsferne verdeutlichten, dass sie auf die Zerstörung des inneren Friedens abzielten. Ich werde gleich erläutern, worum es ging, möchte zunächst aber Ihr Gedächtnis auffrischen: Das Fällen der Bäume im Gezi-Park war der Tropfen, der im Mai 2013 das Fass zum Überlaufen brachte. Zehntausende gingen damals auf die Straße, angetrieben von der angestauten Wut auf Erdogan. Er hatte die Gesellschaft in sämtlichen Bereichen gegängelt, als sei er ein konservativer Vater - angefangen damit, dass junge Frauen und Männer auf Fährschiffen nicht Händchen halten sollten, bis hin zu Vorschriften darüber, wie viele Kinder eine Türkin bekommen soll.

          Da sieht jeder gläubige Muslim rot

          Die Proteste begannen am Istanbuler Taksim-Platz, wo der Gezi-Park liegt, und breiteten sich von dort auf andere Städte aus. Erdogan reagierte mit harscher Rhetorik und hielt die Polizisten zu Härte gegenüber den Demonstranten an. Mit dem Satz „Sie werden zur Legende werden“ stärkte er ihnen den Rücken. Selbst der Tod junger Aktivisten, die Erdogan als „Capulcu“, „Marodeure“, diffamierte, linderten seinen Zorn nicht. Erdogan bediente sich zweier Lügen, um die Menschen gegen die Demonstranten aufzuhetzen. Selbstverständlich waren beide religiös motiviert.

          Eine der brutalsten Nächte der Gezi-Revolte ereignete sich Anfang Juni. Die Polizei hatte die Demonstranten mit Tränengas und Plastikgeschossen vom Taksim-Platz an den Bosporus gedrängt, wo sich die jungen Leute in eine Moschee flüchteten. Freiwillige Ärzte versorgten dort die Verletzten. Es war pures Glück, dass in dieser Nacht niemand zu Tode kam. Wenige Tage später sagte Erdogan vor Fernsehkameras: „Sie haben die Moschee mit Schuhen betreten. Sie tranken dort sogar Alkohol.“ Lieber Leser, möglicherweise wissen Sie nicht, dass es hierzulande als respektlos gilt, beschuht in eine Moschee zu gehen. Sicherlich ist Ihnen aber bekannt, dass es genügt, die Worte Moschee und Alkohol in einem Satz zu nennen, damit ein gläubiger Muslim rot sieht.

          Da sieht jeder Mensch mit Gewissen rot

          Die Lunte einer der größten Provokationen in der jüngeren türkischen Geschichte glimmte schon fast. Erdogans Behauptung hätte dazu führen können, dass Fromme auf die Straße gehen und es zum Bürgerkrieg mit den Aktivisten kommt. Ein anderer Gläubiger bewahrte uns davor. Der Imam der Moschee, in der die jungen Menschen Zuflucht genommen hatten, gab eine Erklärung ab, aufgrund derer er später in die Verbannung geschickt wurde. Der Imam sagte: „Leute haben sich vor der Polizei in die Moschee geflüchtet. Es wurde kein Alkohol getrunken, es wurden Wunden versorgt.“ Der Imam deckte damit eine Lüge auf und verhinderte Schlimmes. Es musste also eine weitere „große Lüge“ her, um die Demonstranten zu diffamieren. Sie folgte unverzüglich. Selbstverständlich war sie abermals in religiöse Sauce getaucht: „Sie haben eine Frau mit Kopftuch verprügelt und ihr Kind misshandelt“, behauptete Erdogan über die Aktivisten. Und: „Wir haben die Bilder, kommenden Freitag belegen wir das.“

          Ein Übergriff auf eine kopftuchtragende Frau mit Kind? Das war nun tatsächlich etwas, das jeden Menschen mit einem Gewissen, ob nun liberal oder konservativ, auf die Barrikaden brachte. Kurz nachdem Erdogan den Vorfall publik gemacht hatte, sprach das „Opfer“ mit einer der Propagandazeitungen der Regierung: „Ich überquerte gerade mit dem Kinderwagen die Straße in Kabatas“, erzählte die Frau. „Da attackierten mich hundert Männer; sie trugen Lederhosen, hatten nackte Oberkörper und Bierflaschen in den Händen. Dann haben sie mich auch noch angepinkelt!“

          Die Überwachungskameras haben nichts gesehen

          Nachdem die Moschee-Alkohol-Kombination nicht gezogen hatte, wurde nun also die Kopftuch-Alkohol-Kombination unters Volk gebracht. Der Vorwurf war genauso schwerwiegend wie phantastisch. Bei Übergriffen auf Frauen zählt jedoch erst mal die Aussage der Frau. Oder etwa nicht? Details wie etwa jenes, „Männer in Lederhosen“ hätten sie angepinkelt, erschienen zwar bizarr, aber die Menschlichkeit verlangte, für diese Frau einzustehen. Auch hatte Erdogan ja wohl kaum aus Spaß gesagt: „Wir haben die Bilder.“ Wie zu erwarten, brach die Hölle los. Es hieß, die Gezi-Aktivisten seien Feinde der Religion, allenthalben wurde bekundet, wie scheußlich Gewalt gegen Frauen doch sei, und die Kolumnisten regierungsnaher Zeitungen veröffentlichten sogar einen gemeinsamen Text. Bis dahin hatte man die Gezi-Demonstranten als Terroristen abgestempelt, nun wurden sie zu Perversen gemacht.

          Dann stellte sich heraus, dass auch die Lederhosen-Pinkel-Attacke nicht der Wahrheit entsprach. Sie hatte sich angeblich an einer der belebtesten Stellen Istanbuls ereignet. Sämtliche Aufzeichnungen der 81 Überwachungskameras, die es dort gibt, wurden durchgesehen, insgesamt 1800 Stunden Material. Es fand sich keine Spur von dem Übergriff. Von der Öffentlichkeit gedrängt, gab der Anwalt der Frau schließlich zu: „Ein solcher Übergriff hat nicht stattgefunden.“

          Ein Übergriff, den Erdogan nicht öffentlich macht

          Seit dem Tag, an dem Erdogan sagte: „Wir haben die Bilder, kommenden Freitag belegen wir das“ sind 171 Freitage vergangen. Veröffentlicht wurde bisher nichts, das den angeblich durch das Kopftuch motivierten Übergriff belegt. Er hat sich als Lüge erwiesen. Dann, am vergangenen Freitag verfolgte die gesamte Türkei aber tatsächlich Aufnahmen einer Überwachungskamera, und, ja, man sieht auf ihnen, wie eine junge Frau brutal attackiert wird. Aus fast demselben Grund, den damals das angebliche Opfer von Kabatas genannt hatte, nämlich wegen ihrer Kleidung: Die Videosequenz zeigt, wie ein Mann in einem Istanbuler Stadtbus einer jungen Frau gegen den Kopf tritt, bis sie ohnmächtig wird.

          Was glauben Sie, lieber Leser, ist daraufhin passiert? Nehmen Sie an, dass der Angreifer verhaftet wurde, dass Politiker die Attacke verurteilten, dass die regierungsnahen Medien von der brutalen Tat berichteten? Natürlich ist nichts von alldem geschehen. Schließlich war es nicht Erdogan, der den Übergriff öffentlich machte, sondern ein Fernsehsender. Schließlich trug die Frau, die wegen ihrer Kleidung angegriffen wurde, kein Kopftuch, sondern Shorts. Schließlich war der Angreifer kein „Perverser mit nacktem Oberkörper“, sondern ein Anhänger Erdogans und ein Sympathisant eines islamischen Ordens. Schließlich handelte es sich nicht um eine „große Lüge“, sondern um die Realität.

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