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Brief aus Istanbul : Was es heißt, auf Erdogans Schwarzer Liste zu stehen

  • -Aktualisiert am

Türkische Zeitungen an einem Stand in Istanbul. Bild: dpa

Der türkische Präsident entscheidet über das Schicksal jedes einzelnen Journalisten. Unser Autor Bülent Mumay berichtet in seinem Brief über das Ausmaß der Verfolgung.

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          Für den im sechzehnten Jahrhundert einsetzenden Niedergang des Weltreichs der Osmanen lassen sich etliche Gründe aufzählen. Zu den wichtigsten gehört, dass die über weite Gebiete Asiens, Europas und Afrikas herrschenden Osmanen auf Distanz zur Moderne und zu den Entwicklungen im Westen gingen. Man hielt sich nicht nur von Reformbewegungen fern, man verschloss sich aus religiösen und traditionalistischen Gründen auch den Neuerungen der Wissenschaft. Aus diesem Grund gerieten die Osmanen intellektuell, aber auch militärisch und wirtschaftlich ins Hintertreffen. Erst spät setzten Erneuerungsbestrebungen ein, den Niedergang konnten sie nicht aufhalten. Allein ein Beispiel zeigt, warum das Weltreich der westlichen Welt unterlag: Die Druckerpresse, im fünfzehnten Jahrhundert von Gutenberg erfunden, kam erst im achtzehnten Jahrhundert ins Osmanische Reich.

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          Mit der Druckerpresse ging die Aufklärung nicht automatisch einher. Ebenso wenig die Pressefreiheit. Im Paket mit Zensur hielt der Buchdruck Einzug in unsere Lande. 1860 erschien die erste Zeitung. Als sie in einem Bericht den osmanischen Hof kritisierte, wurde sie 1861 mit einem zweiwöchigen Publikationsverbot belegt. Das war die erste offene Zensur der türkischen Presse. Und beileibe nicht die letzte. Ganz im Gegenteil, Zensur wurde institutionalisiert. Per Palastdekret wurden ein Zensurgesetz erlassen, und aus dem Ausland eingeführte Publikationen scharfer Kontrolle unterworfen. Bis 1908 auf Druck der europäischen Mächte die Verfassung wieder eingesetzt wurde. Seither wird am Tag, an dem die Zensur offiziell abgeschafft wurde, am 24.Juli, in der Türkei der Tag der Presse gefeiert. Unmittelbar nach Abschaffung der Zensur machte der Journalismus einen großen Sprung, allein in Istanbul kamen binnen kürzester Frist 353 Zeitungen und Zeitschriften heraus.

          Journalisten immer im Visier der Machthaber

          Das bedeutet leider nicht, dass die Journalisten seit der Streichung des Zensurgesetzes „gefeiert“ hätten. Bis zum Zusammenbruch des Osmanischen Reichs wie auch im Verlauf der gesamten Geschichte unserer 1923 gegründeten Republik, nahmen die Machthaber immer wieder Journalisten aufs Korn. Es gab Zeiten mit größerer Pressefreiheit, aber nie konnte in diesem Land von einer freien Presse die Rede sein. In der Geschichte unserer „halben Portion“ Demokratie wurde die Presse am heftigsten in den Phasen von Militärputschen unterdrückt. Den Rekord der Junta-Regime überrundete Erdogan vorsätzlich.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Dem gewählten Staatschef war es gelungen, die Putschisten niederzuschlagen. Vergeltung übte er dann an Journalisten. Dem jüngsten Drei-Monats-Bericht des Unabhängigen Kommunikationsnetzwerks BIA zufolge stehen zurzeit 315 Journalisten wegen Tätigkeiten im Zuge ihrer Berufsausübung vor Gericht. 47 von ihnen droht lebenslange Haft unter verschärften Bedingungen. Der Rest soll für insgesamt mehr als 3000 Jahre hinter Gitter. 127 Journalisten waren zu Beginn des zweiten Halbjahres 2018 inhaftiert.

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