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Brief aus Istanbul : Was die Nation alles ertragen soll

  • -Aktualisiert am

Der türkische Präsident Erdogan nach dem Beben am 25. Januar in Elazig Bild: dpa

Nach dem Beben von Elazig erwartet die Türkei von ihren Bürgern, auf den Tod vorbereitet zu sein. Ein Professor sieht im Verbot von Kinderehen einen Grund für die Katastrophe. Und wem kommt die Erdbebensteuer zugute?

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          „Ist da jemand?“ – Diese Frage lässt uns in der Türkei noch immer eine Gänsehaut bekommen. Mit ihr versuchte man vor einundzwanzig Jahren nach dem Erdbeben der Stärke 7,4 in der Marmara-Region herauszubekommen, ob unter den Trümmern noch jemand lebte. Diese jammervolle Frage der Rettungsmannschaften drang über die Fernsehbildschirme live in unsere Wohnzimmer. Die Stille in den Trümmern machte uns immer trauriger. Bei dem Beben im Jahr 1999 kamen nach offiziellen Angaben siebzehntausend Menschen ums Leben, mehrere zehntausend wurden verletzt. Mehr als dreihunderttausend Gebäude wurden zerstört oder beschädigt.

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          Zwar fiel der Türkei bei der Katastrophe von 1999 wieder ein, dass sie auf einem Erdbebengürtel liegt, es dauerte aber nicht lange, bis diese Tatsache abermals in Vergessenheit geriet. Die kleineren Beben, die das Land seither erschütterten, hinderten uns nicht daran, in den Modus der Bequemlichkeit zu verfallen. Die Regierenden und ein großer Teil der Bevölkerung mochten unsere vielleicht bitterste Erfahrung vergessen haben, Experten wiederholten eindringlich, Istanbul stehe ein größeres Erdbeben bevor, an den wichtigsten Bruchlinien in der Türkei habe sich Energie aufgestaut.

          Der Geologe Naci Görür warnte seit längerem vor einer unmittelbaren Gefahr für Elazig im Osten der Türkei. An seiner Universität erstellte er Berichte über die Lage in der Region und forderte den Staat auf, Vorkehrungen zu treffen. Mit seinen Warnungen wurde er bei der Türkischen Anstalt für Wissenschaft und technologische Forschung und bei der Armee vorstellig. Als er bei den Regierenden kein Gehör fand, legte Görür aus Protest seine Professur nieder. Auch diese „Mahnung“ nützte nichts. Die bitterste Mahnung kam dann von der Erde selbst: Ende Januar ereignete sich in Elazig ein Erdbeben der Stärke 6,8.

          Bülent Mumay

          Fünfhundert Gebäude wurden beschädigt, auf die Frage „Ist da jemand?“ konnten einundvierzig Menschen nicht mehr antworten. Mit angehaltenem Atem wartete das Land auf die Bilanz der Katastrophe. Was aber tat der staatliche Fernsehsender TRT, statt darüber zu berichten? Er sendete live ein Totengebet für die Seelen der Opfer! Und der Präsident der Hilfsorganisation Roter Halbmond, Kerem Kinik, forderte in den sozialen Medien dazu auf, per SMS Geld zu spenden.

          Energieminister Fatih Dönmez verlautbarte: „Es ist nicht richtig, alles vom Staat zu erwarten“, und nahm die Bürger in die Pflicht. Es mag Ihnen nicht absonderlich vorkommen, dass Bürger nach einer solchen Katastrophe zu Hilfsbereitschaft aufgefordert werden. Wir aber haben die 7,5-prozentige Erdbebensteuer nicht vergessen, die seit einundzwanzig Jahren als Extraabgabe erhoben wird. Um die Wunden des Erdbebens 1999 zu heilen und die Türkei auf eventuelle künftige Erdbeben vorzubereiten, zahlten wir bisher einunddreißig Milliarden Euro Erdbebensteuer.

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