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Brief aus Istanbul : Was die Nation alles ertragen soll

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Der Rote Halbmond als Tarnadresse

Deshalb protestierten die Bürger, als sie nach dem jüngsten Beben in Elazig wiederum zur Kasse gebeten wurden. Von der Wirtschaftskrise ohnehin gebeutelte Bürger artikulierten ihren Protest mit dem Hashtag #WoIstDieErdbebensteuer. Erdogan schritt ein, um den Protest zu ersticken: „Wir haben die Gelder eingesetzt, wo es nötig war! Wir haben auch keine Zeit mehr, über solche Dinge Rechenschaft abzulegen!“ Wer trotz Erdogans „Erklärung“ weiter nach dem Geld fragte, stieß auf den typischen Reflex des Palastregimes: Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen etwa fünfzig Personen auf, die unter #WoIstDieErdbebensteuer weiter nachbohrten.

Ein wenige Tage nach dem Beben aufgetauchtes Dokument deckt auf, dass der Rote Halbmond als Tarnadresse benutzt wird, um Erdogan-nahen Stiftungen Gelder zuzuschanzen. Wir erfuhren, dass die Summe von acht Millionen Dollar, die ein privates Unternehmen der Hilfsorganisation als Unterstützung zukommen ließ, an die Erdogan-nahe Ensar-Stiftung weitergeleitet wurde. Der von Erdogan eingesetzte Generaldirektor des Roten Halbmonds ist Teilhaber von acht Firmen. Sein Sohn ist Vize-Präsident der Organisation. Offensichtlich wurden unsere Gelder also nicht dafür verwendet, die Türkei auf mögliche Erdbeben vorzubereiten – der Staat ließ es sich bezahlen, dass die Menschen weiter in instabilen Gebäuden wohnen dürfen. Denn kurz vor den jüngsten Kommunalwahlen wurde mit dem Projekt „Baufrieden“ ermöglicht, gegen Zahlung illegal errichtete Bauten zu legalisieren. Ohne dass auch nur ein einziges dieser Gebäude kontrolliert worden wäre! Darüber hinaus wurden zahlreiche in Istanbul als Erdbebensammelstelle ausgewiesene Grundstücke mit Shopping-Malls bebaut.

Nach dem durch Fahrlässigkeit ausgelösten Grubenunglück 2014, das 301 Arbeiter das Leben kostete, hatte Erdogan erklärt, solche Vorkommnisse lägen „in der Natur der Sache“. Jetzt bezeichnete er Erdbeben als „Schicksal“. Während seines Besuchs in der betroffenen Stadt erklärte er: „Solcherlei Katastrophen sind eine große Prüfung für uns, und solche Prüfungen haben wir als Nation stets geduldig abgelegt. Damit haben wir wunderbare Beispiele dafür geliefert, was es bedeutet, Muslim zu sein und sich zu unterwerfen.“

Der Oberimam des Staates und der Leiter der Religionsbehörde Diyanet teilen diese Meinung: „Die Ereignisse sind eine Prüfung, man muss auf den Tod gefasst sein.“ Statt Gebäude auf Erdbeben vorzubereiten, statt Bauten einem Stabilitätstest zu unterziehen, verlangt der Staat von uns, Prüfungen abzulegen und auf den Tod vorbereitet zu sein.

Aber zurück zur „Wissenschaft“. Wie kommen Erdbeben zustande? Bedri Gencer, Inhaber des Lehrstuhls für Human- und Sozialwissenschaften an einer staatlichen Universität in Istanbul, erklärt: „Das Verbot von Kinderehen löste das Erdbeben aus.“ Dieser Mann unterrichtet Human- und Sozialwissenschaften an einer Universität, die siebenundzwanzig Hochschuldozenten entließ, weil sie eine Petition für Frieden unterzeichnet hatten. Er arbeitet an der Universität eines Regimes, das etliche zehntausend Wissenschaftler vor die Tür setzte und siebzigtausend Studenten ins Gefängnis brachte.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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