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Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

  • -Aktualisiert am

Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein: Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten. Bild: Picture-Alliance

Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Eines der „Megaprojekte“ der Nation ist die Haftanstalt Silivri rund einhundert Kilometer westlich von Istanbul. Den Namen des Gefängnisses, gebaut als „das größte in Europa“, hat man vor allem im Zusammenhang mit Prozessen gegen Journalisten, Schriftsteller oder Wissenschaftler gehört. In dem ursprünglich für verurteilte Terroristen errichteten Hochsicherheitsgefängnis sind, seit auch Journalisten in diese Kategorie gesteckt werden, zahlreiche unserer Kollegen „zu Gast“.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Eine der Geschichten von dort möchte ich Ihnen erzählen: Vor ein paar Jahren fragte einer der Gefangenen den für die Anstaltsbibliothek zuständigen Beamten nach einem bestimmten Buch. Der Beamte sah den Katalog durch, das gesuchte Buch fand er zwar nicht, hatte aber tröstende Worte für den Gefangenen: „Das Buch haben wir nicht da, aber den Autor.“ Wie es um die Vielfalt der Bücher in der Anstaltsbibliothek von Silivri derzeit bestellt ist, wissen wir nicht. Die Anzahl der „beherbergten“ Intellektuellen aber scheint noch steigerbar zu sein. Vermutlich um des Bibliotheksbedarfs willen gab es in der vergangenen Woche einen neuen Polizeieinsatz in der Türkei. Vierzehn renommierte Akademiker und NGO-Mitarbeiter wurden morgens gegen sechs Uhr aus dem Haus geholt. Personen, die unverzüglich ihre Aussage machen würden, hätte man sie nur vorgeladen, wurden bei einer Operation festgenommen, die wie eine Terroristenjagd anmutete.

          Der Vorwurf klang höchst sonderbar: Sie hätten die Gezi-Proteste organisiert, die 2013 die Türkei erschütterten! Nach staatlichen Angaben hatten sich damals vier Millionen Bürger an den Protesten beteiligt; jetzt, nach fünf Jahren, wurden vierzehn Personen dafür haftbar gemacht. Auch Turgut Tarhanli, einer der herausragenden Rechtswissenschaftler der Türkei im Bereich Menschenrechte, gehörte zu den Festgenommenen. Das Zeugnis der Türkei in Sachen Menschenrechte wollte Ankara offenbar mit Tarhanlis Festnahme vorlegen.

          Bülent Mumay

          Um sechs Uhr morgens wurde auch Betül Tanbay, die Vizepräsidentin der europäischen Mathematikgesellschaft, aus dem Haus geholt und festgenommen, und zwar wegen des Versuchs, „das System zu ändern“. Sie gehörte 2013 der Delegation an, die Präsident Erdogan zu Gesprächen geladen hatte, um den Gezi-Aufstand zu beenden. Erdogan hatte sich also damals mit „Terroristen“ an einen Tisch gesetzt, die „mit Gewalt die Regierung stürzen wollten“. Die Anschuldigungen auf der Festnahmeanordnung waren phantastisch. So wurde etwa behauptet, die vierzehn auf der Liste verzeichneten Personen hätten professionelle Aktivisten aus dem Ausland geholt.

          Ein Aktionsplan gegen den Braindrain

          Zu den angeblich „importierten Aktivisten“ zählten der „stehende Mann“, welcher sich gegen die Polizeigewalt einfach nur hingestellt hatte; sodann der bei Aktionen in der ganzen Welt Klavier spielende deutsche Staatsbürger Davide Martello und die „Frau in Rot“, eines der ersten Opfer des Tränengases aus Polizeihand, die zum Symbol von Gezi wurde. Der Pianist Martello mochte ja noch aus Deutschland „importiert“ worden sein. Doch der „standing man“ und die „Frau in Rot“ waren ausgesprochen „einheimisch und national“, um es mit einem von Erdogan gern benutzten Ausdruck zu sagen. Ceyda Sungur, die „Frau in Rot“, war Assistentin an einer Istanbuler Universität.

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