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Brief aus Istanbul : Schuldlos verschuldet und unglücklich

  • -Aktualisiert am

Fototermin mit jungen Leuten: Der türkische Präsident Erdogan schüttelt Hände beim „2023 Youth Forum“ im Oktober 2017 in Istanbul. Bild: Presidency of Turkey / Murat Cetinmuhurdar / Anadolu Agency

Im Jahr 2023 könnten sie die Wahlen entscheiden. Heute vermissen sie nicht bloß Gleichberechtigung und ein freies Leben. Warum mehr als die Hälfte der jungen Türken ihr Heimatland für immer verlassen will.

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          Erdogan, der die Türkei seit fast achtzehn Jahren ununterbrochen regiert, ist eine der prägendsten Personen unserer politischen Geschichte. Seit den Wahlen 2002 hatte die Türkei keine andere Regierung. Kein anderer Politiker war im Laufe des 74 Jahre währenden Mehrparteiensystems in der Türkei so lange allein an der Macht wie er. Junge Leute, die dieser Tage volljährig werden, kennen keinen anderen Machthaber. Erdogan und seine AKP waren, wie andere politische Bewegungen auch, bestrebt, ihre Stammwählerschaft zu konsolidieren und nachkommende Generationen zu ihren Wählern zu machen. Mit ihren religiösen und nationalistischen Diskursen sowie der Beschwörung einer Bedrohung von außen und dem Steigern der Ängste durch rigide Sicherheitspolitik hatten sie durchaus Erfolg. Allerdings lässt sich kaum sagen, dass diese Rhetorik bei den Kindern ihrer Wähler gefruchtet hätte.

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          Zwei Studien, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden, fördern frappierende Ergebnisse in Bezug auf die unter der AKP-Dauerherrschaft aufgewachsenen Generationen zutage. Laut aktuellem Unicef-Report über die Lage von Kindern in den OECD-Ländern leben die unglücklichsten Kinder in der Türkei: Nur 53 Prozent der Fünfzehnjährigen seien zufrieden mit ihrem Leben. In Bezug auf die Todesrate bei Kindern steht die Türkei auf Platz zwei hinter Mexiko. Auch die Studie einer türkischen Universität fragte türkische Jugendliche: „Wie glücklich oder unglücklich sind Sie, wenn Sie Ihr Leben im Ganzen betrachten?“ 50,5 Prozent antworteten: „Ich bin nicht glücklich“ oder „Ich bin überhaupt nicht glücklich“. Nur 26 Prozent bezeichneten sich als ein bisschen oder sehr glücklich.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die Studie zeigt auch, dass junge Türken ihre Zukunft nicht mehr in ihrer Heimat sehen. 76 Prozent der Befragten gaben an, zur Ausbildung oder zum Arbeiten ins Ausland gehen zu wollen. 64 Prozent wollen die Türkei dauerhaft verlassen. Auf die Frage, wohin sie gehen wollen, wurden in erster Linie europäische Länder genannt. Jugendliche, die es ins Ausland zieht, wurden gefragt: „Warum wollen Sie in einem anderen Land leben?“ Die Antworten zeigen, was ihnen in der Türkei fehlt. 59 Prozent sagten „für eine bessere Zukunft“, 14,6 Prozent „für ein Leben mit mehr Wohlgefühl“, und sechs Prozent zieht es um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung willen fort.

          In einem Land, in dem jeder dritte junge Bürger arbeitslos ist, das Bruttoinlandsprodukt Tag für Tag sinkt und alle Arten von Freiheit eingeschränkt werden, wollen sie nicht leben. Allen Zensurmaßnahmen und Behinderungsversuchen zum Trotz wissen sie dank der digitalen Medien, wie es sich in anderen Teilen der Welt lebt. Sie sehen, dass ein anderes Leben möglich ist, und erfahren jeden Tag aufs Neue, wie finster die Atmosphäre ist, in der sie leben. Sie sehen, dass Erdogan in seinem Winterpalast Feste abhält, Nationalfeiertage wegen der Corona-Pandemie aber nicht festlich begangen werden dürfen. Dass Journalisten, die Erdogan aus großem Abstand Fragen stellen, und die Angestellten seines 1000-Zimmer-Palastes täglich getestet werden, sie aber Schlange stehen müssen, um ihre Eltern testen zu lassen. Dass Erdogans Sohn ein Bogenschützen-Festival abhält, sie aber keine Konzerte besuchen dürfen. Sie erleben, dass in einem Land, in dem Mafiabosse per Amnestie aus der Haft entlassen werden, verhaftet wird, wer einen kritischen Tweet postet.

          Wem sonst sollte man die Rechnung präsentieren?

          Sie vermissen nicht bloß Gleichberechtigung und ein freies Leben. Sie haben auch kein Geld. Der Studie zufolge sind 86 Prozent der Jungen verschuldet. Fünf Millionen Universitätsabsolventen sind außerstande, ihre Studienkredite zurückzuzahlen. Der Staat hat Inkassoverfahren gegen 300.000 junge Leute eingeleitet, weil sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Nehmen wir einmal an, die Glücklichen von ihnen finden einen Job. Selbst dann haben sie keine Chance, sich ihren Jugendtraum vom eigenen Auto zu erfüllen. Dank der Steuern, mit denen die AKP Spirituosen belegt hat, das wissen Sie vermutlich, spendieren wir zwei Gläser dem Staat, wenn wir uns eines genehmigen. Kürzlich wurden auch die Steuern beim Autokauf exorbitant erhöht. Mittlerweile schenken wir dem Staat drei Autos, wenn wir eines kaufen. In Deutschland können Sie mit zwölf monatlichen Mindestlöhnen einen passablen Wagen kaufen, wir dagegen müssen für das gleiche Auto 244 Monate lang unseren Mindestlohn sparen.

          Wo die „Zukunft“ sich derart finster zeigt, kann es auch gefährlich sein, von den dunklen Seiten der Vergangenheit zu sprechen. Ein Fernsehsender, der Kritik an dem osmanischen Sultan Abdulhamid übte, unter dessen Ägide dem Reich 1,6 Millionen Quadratkilometer, also die doppelte Fläche der heutigen Türkei, verlorengingen, wurde mit fünf Tagen Sendeverbot bestraft. Meldungen über die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens durch einen Sektenführer wurden zensiert. Es geht um einen Sektenführer, der einen Platz im staatlichen Protokoll hat, der zu offiziellen Eröffnungen geladen wird und schon mit Erdogan gemeinsam auf dem Podium stand. Auf Druck der Öffentlichkeit wurde er verhaftet, Berichterstattung über die Ermittlungen aber wurde untersagt. Ich hatte zuletzt erwähnt, dass ein Klassenkamerad von Erdogans Sohn den Zuschlag für eine staatliche Ausschreibung im Wert von 32 Millionen Euro erhalten hatte, auch Berichte darüber wurden verboten. Und, halten Sie sich fest, ebenso wurden Meldungen über das Verbot dieser Berichte verboten.

          Wie sollte uns angesichts des Geschehens allein der letzten Wochen noch wundern, dass junge Leute in anderen Gegenden nach „Zukunft, Wohlgefühl und Gerechtigkeit“ suchen? Wem sonst, wenn nicht der Regierung, sollte man die Rechnung präsentieren, dass junge Leute hierzulande ihre Hoffnung verloren, aber auch keinen anderen Ort haben, an den sie gehen könnten? Gefahr droht der AKP nicht nur durch die jungen Erwachsenen. Auch die Fünfzehnjährigen, die in der Studie sagten, sie seien nicht glücklich, dürfen in drei Jahren wählen. Vermutlich werden sie 2023 die Wahlen entscheiden. Sie werden entweder etwas ändern oder wie ihre älteren Geschwister die Koffer packen.

          Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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