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Brief aus Istanbul : Vergeben kann ich, doch vergessen niemals

  • -Aktualisiert am

Mit dem Vergeben und dem Vergessen ist es so eine Sache: Miki Manojlović und Lazar Ristovski als Freundespaar in einer Szene mit Mirjana Joković aus Emir Kusturicas „Underground“ Bild: Picture-Alliance

Die Türkei hat kaum noch Freunde, und auch durch das Land selbst zieht sich ein Riss. Separatismus hat stets als das größte Verbrechen gegolten. Jetzt treiben die Regierenden die Menschen auseinander.

          „Vergeben kann ich, doch vergessen niemals.“ Dieser Satz stammt aus „Underground“, meinem Lieblingsfilm über den Zweiten Weltkrieg von Emir Kusturica. Der Satz fällt in der Hochzeitsszene am Ende: Marko, der im Untergrund Waffen herstellen ließ, erhebt sein Glas auf seinen besten Freund Blacky und seine Gefährten. Jahrelang hatte er Blacky verheimlicht, dass der Krieg längst vorüber ist, und den Freund weiter in der unterirdischen Fabrik schuften lassen. Nun bittet er: „Vergib mir, Bruder!“ Die Antwort Blackys, der gewissermaßen just ans Tageslicht gekommen ist, erschüttert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich den Film sehe: „Vergeben kann ich, doch – in Gottes Namen – vergessen niemals.“

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Jeder Schritt der türkischen Regierung, der die Polarisierung der Gesellschaft vorantreibt, ruft mir nicht allein diesen Filmsatz, sondern auch die Tragödie Jugoslawiens ins Gedächtnis. Sicherlich, der historische Hintergrund und die Umstände sind völlig andere. Doch bedauerlicherweise sind wir in der Türkei gewissermaßen alle wie Blacky und Marko. Wir stehen uns gegenüber wie zwei Brüder, die einander kaum ertragen und sich als Gegner empfinden. Wir haben nicht einmal ein Glas, das wir erheben könnten. In diesem Land, in dem man uns mit dem Schreckgespenst des „Separatismus“ Angst einflößt, sind wir praktisch von staatlicher Hand entzweit. Jeder, der nicht denkt wie wir, gehört zu den anderen.

          Jetzt will Erdogan es für sich persönlich

          Dabei hat der Separatismus hierzulande stets als das größte Verbrechen gegolten. Man brauchte die Tat gar nicht begehen, um bestraft zu werden. Separatismus war das Wort, das über Jahrhunderte hinweg benutzt wurde, um dissidente Journalisten, Intellektuelle und Schriftsteller hinter Gitter zu bringen. Die Spaltung aber, die den Eingesperrten nie gelang, haben die Regierenden nun selbst geschaffen. Sie haben uns auseinandergetrieben, auch wenn unsere geographischen Grenzen dieselben sind.

          Wo die Grenze der Spaltung verläuft, zeigt sich besonders jetzt, im Vorfeld des Referendums. Noch immer beschimpfen Regierungsvertreter, allen voran Erdogan, jene fünfzig Prozent der Bevölkerung, die Umfragen zufolge mit „Nein“ stimmen werden, als „Terroristen“. Die Türkei ist das größte Freiluft-Gefängnis der Welt mit der größten „terroristischen“ Bevölkerung. Die von der Politik geschaffene Spannung heizt selbst das Klima im Familien- und Freundeskreis enorm an. Mit unserem aufbrausenden Temperament, das uns Mittelmeeranrainern eigen ist, sind wir bei politischen Auseinandersetzungen immer rasch entflammt. Doch wir überwarfen uns nie und kehrten einander nicht den Rücken zu. Ein Straßeninterview des lokalen Fernsehsenders EgeNetTV bringt auf den Punkt, wie sich die Polarisierung in der Gesellschaft niederschlägt. Ein Mann Mitte sechzig, der bei mehreren Wahlen für Erdogans AKP gestimmt hatte, erklärt, warum er beim Referendum mit „nein“ stimmen wird: „Seit 2002 haben wir ihm gegeben, was er von uns wollte. Jetzt will er es für sich persönlich. Und da sage ich Nein. Schauen Sie, er spaltet die Menschen. Er sagt nicht: ,Mein Mitbürger‘, er sagt: ,50 Prozent‘. Er spaltet, und ich kriege Probleme mit meinem Bruder, meinem Nachbarn. Das kann doch nicht sein.“

          Wegen des Nazi-Vergleichs tadelt uns sogar Israel

          Wir vereinsamen, wenn die einen fünfzig Prozent den anderen fünfzig Prozent den Rücken kehren. Wir bleiben im Eigenen, in der eigenen Komfortzone stecken. Aber auch das Land selbst hat schon längst die Segel für eine Fahrt in eine gewaltige Einsamkeit gehisst. Und es ist nicht die „kostbare Einsamkeit“, von der Expremier Davutoglu einst sprach. Wir sind schlechterdings allein in der weiten Welt. Unsere Außenpolitik, die Atatürks Motto „Frieden im Land, Frieden in der Welt“ folgte, ist einem imaginären Neo-Osmanismus voll imperialen und religiösen Ehrgeizes gewichen. Letztendlich hat die Regierung, die sich aufmachte, um „die Zahl unserer Freunde zu erhöhen“, so gut wie keine Freunde mehr.

          Bülent Mumay

          Deutschland, über das wir einst dachten, „Wenn es besiegt wird, zählen auch wir als besiegt“, haben wir erst kürzlich verloren. Aus dem Land, das von unserer politischen Führung unentwegt mit Nazi-Vergleichen bedacht wird, kommen keine Touristen und keine Waffenlieferungen mehr. Wegen des Nazi-Vergleichs tadelt uns sogar Israel. Mit Russland, das wir voriges Jahr noch als „Verräter“ bezeichneten, vor einigen Monaten aber zum „Freund“ erklärten, haben wir uns abermals überworfen. Die russische Führung ist dabei, mit der Kurdenmiliz YPG, die Ankara als terroristisch einstuft, im Norden Syriens einen Stützpunkt aufzubauen. Vielleicht könnten sie wenigstens den Einfuhrstopp für unsere Tomaten aufheben. Obama hatten wir gestrichen, weil er Fethullah Gülen nicht an Ankara auslieferte. Als Trump gewann, keimte Hoffnung. Trump aber hat nicht nur Gülen nicht ausgeliefert, sondern er hat mit dem Argument der Sicherheit die Benutzung von Laptops auf Flügen aus der Türkei nach Amerika untersagt. Von den Waffenlieferungen an die Kurdenmiliz YPG will ich erst gar nicht reden.

          Geschichten voller Leid, Melancholie und Freude

          Unser Zerwürfnis mit den Niederlanden ist frisch. Selbst mit Griechenland und Bulgarien, unseren Nachbarn im Westen, liegen wir derzeit über Kreuz. Sofia zürnt uns, weil wir uns in die Wahlen in Bulgarien eingemischt haben. Türken mit Doppelpass, die zur Wahl einreisen wollten, wurden nicht ins Land gelassen, sogar einen Abgeordneten wies man ab. Und Athen beherbergt weiterhin Offiziere, deren Auslieferung Ankara fordert, da sie „Putschisten“ sein sollen. Sogar das Tausende Kilometer entfernte Norwegen haben wir aufgebracht. Weder lässt es türkische Politiker ins Land, noch gibt es die „Putschisten“ heraus, deren Auslieferung die Türkei fordert. Auch um das Verhältnis zu Iran, das Erdogan vor einigen Jahren als „mein zweites Zuhause“ bezeichnet hat, steht es schlecht. Erst vor wenigen Tagen haben die iranischen Behörden ihre Bürger vor Türkei-Reisen gewarnt. Und Massud Barzani, der wohl einzige kurdische Führer, den Ankara als Freund betrachtet, legte Ankara herein. Vor einigen Jahren sang er noch Hand in Hand mit Erdogan das kurdische Lied „Megrimegri“ („Weine nicht“). In der vergangenen Woche aber ließ er auf der Burg von Kirkuk, der türkischen Stadt im Nordirak, die kurdische Fahne hissen.

          So sieht die Einsamkeit des Landes der Einsamen aus. Doch lassen Sie mich von der Realpolitik zum Film „Underground“ zurückkehren. Die Hochzeit, bei der es zu dem Dialog über das Vergeben kommt, wird unter freiem Himmel an einem Flussufer gefeiert. Wein fließt in Strömen, und man vergnügt sich laut, als sich der Flecken Erde samt der Tische langsam vom Festland löst und im Fluss davontreibt. Wenn ich daran denke, was der Film-Erzähler an der Schwelle zu dieser Abspaltung sagt, bete ich stets, dass uns nicht dasselbe Ende blühen möge: „Und genau an dieser Stelle bauten wir neue Häuser. Mit roten Dächern und Schornsteinen, auf denen Störche ihre Nester bauen können. Deren Türen weit offen stehen für unsere Nachbarn. Hier werden wir der uns nährenden Erde unseren Dank darbringen. Ebenso der uns wärmenden Sonne. Auf diesen Wiesen, die an das grüne Gras unseres Landes erinnern, werden wir unseren Kindern Geschichten erzählen, voller Leid, Melancholie und Freude. Die alle anfangen mit: Es war einmal ein Land.“ Danach endet der Film nicht mit dem Schriftzug „Ende“. Stattdessen ist auf der Leinwand zu lesen: „Diese Geschichte hat kein Ende.“ Ich hoffe, auch unsere Geschichte wird kein Ende haben. Und schon gar keines wie in diesem Film. Hoffentlich werden wir einander vergeben.

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