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Brief aus Istanbul : Vergeben kann ich, doch vergessen niemals

  • -Aktualisiert am
Bülent Mumay

Deutschland, über das wir einst dachten, „Wenn es besiegt wird, zählen auch wir als besiegt“, haben wir erst kürzlich verloren. Aus dem Land, das von unserer politischen Führung unentwegt mit Nazi-Vergleichen bedacht wird, kommen keine Touristen und keine Waffenlieferungen mehr. Wegen des Nazi-Vergleichs tadelt uns sogar Israel. Mit Russland, das wir voriges Jahr noch als „Verräter“ bezeichneten, vor einigen Monaten aber zum „Freund“ erklärten, haben wir uns abermals überworfen. Die russische Führung ist dabei, mit der Kurdenmiliz YPG, die Ankara als terroristisch einstuft, im Norden Syriens einen Stützpunkt aufzubauen. Vielleicht könnten sie wenigstens den Einfuhrstopp für unsere Tomaten aufheben. Obama hatten wir gestrichen, weil er Fethullah Gülen nicht an Ankara auslieferte. Als Trump gewann, keimte Hoffnung. Trump aber hat nicht nur Gülen nicht ausgeliefert, sondern er hat mit dem Argument der Sicherheit die Benutzung von Laptops auf Flügen aus der Türkei nach Amerika untersagt. Von den Waffenlieferungen an die Kurdenmiliz YPG will ich erst gar nicht reden.

Geschichten voller Leid, Melancholie und Freude

Unser Zerwürfnis mit den Niederlanden ist frisch. Selbst mit Griechenland und Bulgarien, unseren Nachbarn im Westen, liegen wir derzeit über Kreuz. Sofia zürnt uns, weil wir uns in die Wahlen in Bulgarien eingemischt haben. Türken mit Doppelpass, die zur Wahl einreisen wollten, wurden nicht ins Land gelassen, sogar einen Abgeordneten wies man ab. Und Athen beherbergt weiterhin Offiziere, deren Auslieferung Ankara fordert, da sie „Putschisten“ sein sollen. Sogar das Tausende Kilometer entfernte Norwegen haben wir aufgebracht. Weder lässt es türkische Politiker ins Land, noch gibt es die „Putschisten“ heraus, deren Auslieferung die Türkei fordert. Auch um das Verhältnis zu Iran, das Erdogan vor einigen Jahren als „mein zweites Zuhause“ bezeichnet hat, steht es schlecht. Erst vor wenigen Tagen haben die iranischen Behörden ihre Bürger vor Türkei-Reisen gewarnt. Und Massud Barzani, der wohl einzige kurdische Führer, den Ankara als Freund betrachtet, legte Ankara herein. Vor einigen Jahren sang er noch Hand in Hand mit Erdogan das kurdische Lied „Megrimegri“ („Weine nicht“). In der vergangenen Woche aber ließ er auf der Burg von Kirkuk, der türkischen Stadt im Nordirak, die kurdische Fahne hissen.

So sieht die Einsamkeit des Landes der Einsamen aus. Doch lassen Sie mich von der Realpolitik zum Film „Underground“ zurückkehren. Die Hochzeit, bei der es zu dem Dialog über das Vergeben kommt, wird unter freiem Himmel an einem Flussufer gefeiert. Wein fließt in Strömen, und man vergnügt sich laut, als sich der Flecken Erde samt der Tische langsam vom Festland löst und im Fluss davontreibt. Wenn ich daran denke, was der Film-Erzähler an der Schwelle zu dieser Abspaltung sagt, bete ich stets, dass uns nicht dasselbe Ende blühen möge: „Und genau an dieser Stelle bauten wir neue Häuser. Mit roten Dächern und Schornsteinen, auf denen Störche ihre Nester bauen können. Deren Türen weit offen stehen für unsere Nachbarn. Hier werden wir der uns nährenden Erde unseren Dank darbringen. Ebenso der uns wärmenden Sonne. Auf diesen Wiesen, die an das grüne Gras unseres Landes erinnern, werden wir unseren Kindern Geschichten erzählen, voller Leid, Melancholie und Freude. Die alle anfangen mit: Es war einmal ein Land.“ Danach endet der Film nicht mit dem Schriftzug „Ende“. Stattdessen ist auf der Leinwand zu lesen: „Diese Geschichte hat kein Ende.“ Ich hoffe, auch unsere Geschichte wird kein Ende haben. Und schon gar keines wie in diesem Film. Hoffentlich werden wir einander vergeben.

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