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Brief aus Istanbul : Willkommen in der türkisen Republik

  • -Aktualisiert am

Wie praktisch, dass sich auch der Bosporus an Erdogans Farbvorgaben hält. Bild: dpa

Präsident Erdogan liebt es, seine Unterschrift unter die gewöhnlichsten Vorhaben zu setzen. Sein letztes Projekt: Die Institutionalisierung einer neuen Nationalfarbe.

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          Das Osmanische Reich, auf dessen Trümmern die Republik errichtet wurde, geistert noch vielerorts herum. Es wäre ja auch unklug zu erwarten, dass die Spuren eines Weltreichs, das länger als sechshundert Jahre Bestand hatte, vollkommen verschwänden. Vor allem Mitte-rechts-Regierungen sorgten dafür, dass der „osmanische Geist“ auch die Republikzeit prägte. Die Osmanen verfolgten die Politik der territorialen Ausdehnung und drückten allen eroberten Gebieten ihren Stempel auf.

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          Diese Tradition versüßt noch heute die Träume unserer Politiker – nicht etwa, weil sie neue Territorien erobert hätten oder erobern wollten. Vielmehr geht es ihnen, kaum an der Macht, darum, das Gebiet, in dem wir seit Jahrhunderten leben, neu zu prägen. Man wird sie mit Vorhaben in Erinnerung behalten, die anmuten, als sollte damit die osmanische Eroberungstradition fortgesetzt werden. Sie wollen mit dem Bau gigantischer Brücken, Staudämme und Gebäude gleich phallischen Symbolen in die Geschichte eingehen. Es wird Ihnen sonderbar vorkommen, aber in der Türkei bleibt eine Regierung mit solcherlei Investitionen im Gedächtnis, nicht etwa damit, ein Klima der Freiheit und des Wohlstands geschaffen zu haben. Es ist kein Zufall, dass der damalige Premier Süleyman Demirel in den Siebzigern die erste Istanbuler Bosporus-Brücke bauen ließ und in den Achtzigern Turgut Özal die zweite einweihte. Die dritte Brücke über denselben Bosporus zu bauen fiel natürlich Recep Tayyip Erdogan zu.

          Bülent Mumay

          Er ist zweifelsohne der Politiker, der die Sache mit dem Stempelaufdrücken ernster nimmt als alle anderen. Als Istanbuler Bürgermeister liebte er es, seine Unterschrift unter die gewöhnlichsten Vorhaben zu setzen. Beim Bau einer Straßenunterführung oder der Erneuerung einer Bushaltestelle ließ er unbedingt vermerken, das Werk sei in seiner Amtszeit vollbracht worden. Diese Attitüde hat sich auf Erdogans Weg vom Bürgermeister zum Alleinherrscher über die Türkei nicht geändert. Immer will er von allem das Größte. Missverstehen Sie mich nicht, es geht nicht um große Leistungen in Bereichen wie Bildung, Wissenschaft oder Kunst. Erdogan brüstet sich vielmehr damit, das größte Gefängnis und das größte Gerichtsgebäude Europas errichtet zu haben. Gerechtigkeit sollte dabei nicht herauskommen. Es dauerte gerade einmal sechzehn Jahre, bis uns das klar wurde.

          Die Sache mit dem Prägen hat unter Erdogan eine neue Dimension angenommen. Es geht nicht mehr allein um Straßen oder Brücken mit seinem Namen, es geht um die Umgestaltung des gesamten Landes. Und damit meine ich nicht, dass er das System geändert und eine unmittelbar an seine Person gebundene Struktur geschaffen hat. Erdogan gibt dem Land seine Farbe, und zwar nicht im übertragenen Sinn, nein, buchstäblich macht er seine Lieblingsfarbe zur Farbe des Landes. Merkwürdig, nicht wahr? Lassen Sie mich erzählen, wie Türkis zur sakralen Farbe wurde. Das Wort für den Farbton zwischen Blau und Grün stammt von dem französischen Wort für „türkisch“, turquoise. Manche Quellen bezeichnen Türkis als die Farbe der Türken, doch im Mittleren Osten und in Asien ist sie historisch für zahlreiche Völker von Bedeutung. Dass die Türkei seit ein paar Jahren regelrecht türkis gestrichen wird, hat damit nichts zu tun. Türkis hat schrittweise die türkische Nationalfarbe Rot ersetzt, weil Erdogan sie gewissermaßen heilig sprach: „Türkis ist unsere Nationalfarbe.“

          Bis zu den Uniformen der Palastwachen

          Am Anfang wich das Rot im staatlichen Protokoll dem Türkis. Über Nacht wurden die Uniformen der Polizisten, die wichtige Einrichtungen wie das Parlament und den Amtssitz des Präsidenten bewachen, türkis. Ebenso wechselten auf den Fluren des Parlaments und die vor ausländischen Staatsgästen ausgerollten Teppiche zu Erdogans Farbe. An die Parlamentsabgeordneten verteilte Kalender, Planer, Notizhefte sind auch nicht mehr rot. Sogar das vom Parlament gedruckte Büchlein mit der Verfassung ist türkis. Selbstverständlich wurde Erdogans 1150-Zimmer-Palast in dieser Farbe eingerichtet, und die Uniformen der Palastwachen und -reiter sind ebenfalls türkis.

          Glauben Sie nicht, der Wandel beträfe nur das Staatsprotokoll. Auch die vor einigen Jahren in Dienst gestellten Expresszüge wurden türkis lackiert. Die seit eh und je rot-weißen Trikots der türkischen Fußballnationalmannschaft sind jetzt türkis. Unsere Ringer treten im türkisen Dress auf die Matte. Die Uniformen der städtischen Angestellten in Istanbul, wo Erdogan einst Bürgermeister war, sind türkis. Selbst die der Parkplatzwächter! Türkis ist auch die Farbe der von der Stadtverwaltung veräußerten Wasserwerke. Welch ein Zufall, die Mediengruppe, die ein Schwiegersohn Erdogans gemeinsam mit seinem Bruder leitet, heißt sogar „Turkuaz Medya“: Türkis-Medien. Zuletzt kam auch der Verkehr unter die Vorherrschaft von Erdogans Lieblingsfarbe. Die Istanbuler Stadtverwaltung erließ Order, dass alle in der Stadt neu zugelassenen Taxis türkis sein müssen. Die ersten sind jetzt im Einsatz.

          In unserem vielfarbigen Land wird Türkis nicht von ungefähr zur Nationalfarbe. Je weiter wir uns von der Demokratie entfernen, umso mehr Farben gehen uns verloren. Unter Erdogan gibt es von allem nur noch eine. „Eine Nation, eine Fahne, ein Land, ein Staat“, lässt Erdogan bei Kundgebungen die Menge skandieren. Jetzt gesellt sich noch „eine Farbe“ hinzu.

          Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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