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Brief aus Istanbul : Tote Hose im heißen Herzen von Istanbul

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Religiöse Gentrifizierung: Moscheen-Neubau am Taksim-Platz im Beyoglu-Viertel in Istanbul Bild: Danielle Villasana/The New York Times

Das Istanbuler Szeneviertel Beyoglu stand für unbeschwerte Lebensart – bis die Religionsbehörde Diyanet mit ihren Bauplänen kam.

          4 Min.

          Selbst wenn Sie noch nie in Istanbul waren, haben Sie sie sicher einmal auf einem Zeitungsbild gesehen. Oder sie ist Ihnen als Hintergrundbild einer Fernsehmeldung über die Türkei ins Auge gefallen: die historische Istiklal-Straße, in der Mitte eine rote Straßenbahn, gesäumt von schicken Cafés, Galerien, Buchhandlungen. Hier fanden Film- und Musikfestivals statt. Der Boulevard war das Herz von Istanbul mit seiner Vielzahl an Kulturen. Hier pulsierte die Hauptschlagader von Pera, dem heutigen Beyoglu, das mit Beginn der Verwestlichung im 19. Jahrhundert zum Zentrum der Stadt wurde. Ein Zentrum wie der einstige Kurfürstendamm in Berlin, der Römer in Frankfurt, der Marienplatz in München. Oder wie alle zusammen.

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          Nicht ohne Grund stehen die Sätze oben in der Vergangenheit. Die Istiklal-Straße, bis vor etwa zehn Jahren Zentrum für Kunst, Kultur und Amüsement, wurde methodisch verkarstet, und zwar von der Zentralregierung, die ihr Social-Engineering-Projekt von den jeweiligen Kommunalverwaltungen umsetzen ließ. Es fing damit an, dass gastronomischen Betrieben mit Alkoholausschank untersagt wurde, Tische auf die Straßen zu stellen. Die betroffenen Betriebe gerieten ins Wanken, als exorbitante Erhöhungen der Vergnügungssteuer hinzukamen. Es wurde schwieriger, eine Genehmigung für Alkoholausschank zu erhalten, immer mehr der Nachtclubs und Bars, die Beyoglus Flair ausgemacht hatten, mussten schließen.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die Istiklal-Straße läuft auf den Taksim zu, den größten Platz der Stadt. Hier konzentrierten sich 2013 die Gezi-Proteste, seither mutierte der Platz zu einer Open-Air-Polizeistation. Alle friedlichen Kundgebungen in der Gegend werden mit Polizeigewalt unterdrückt, was dem Viertel einen weiteren Schlag versetzte. Die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, die ständig von Polizei barrikadierten Gassen und die Wasserwerfer, die hier rund um die Uhr zum Einsatz bereitstehen, führten dazu, dass Stammgäste die Umgebung mehr und mehr mieden. Sowenig die Natur ein Vakuum duldet, so wenig tut es die Istiklal. Bald ersetzten vor allem zwecks Haarimplantation anreisende Touristen aus Nahost die fernbleibenden jungen Leute, Intellektuellen und Angestellten. Buchhandlungen wichen Shisha-Bars, anstelle von Galerien öffneten neonbeleuchtete Süßspeisen- und Puddingshops. Der Neubau einer Riesenmoschee am Taksim-Ende der Istiklal krönte schließlich den Wandel in Beyoglu.

          Die Behörde und die Brauerei

          Die ehemaligen Bewohner der Viertels verschwanden natürlich nicht über Nacht. Ein Teil verließ die Türkei aufgrund des „Wandels“, der sich nicht auf Beyoglu beschränkte, sondern auf das ganze Land übersprang. Wer blieb, zog sich mit Gleichgesinnten in kulturelle Gettos in anderen Stadtteilen zurück. Eines der neuen In-Quartiere war Bomonti, wo einst genau wie im alten Beyoglu vor allem nicht-muslimische Minderheiten lebten. Manche zogen hierher um, einige machten Cafés auf. Selbst das Babylon, die populärste Livestage von Istanbul, kam aufgrund des Wandels von Beyoglu nach Bomonti.

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