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Brief aus Istanbul : Setzt Erdoğan nun auf den Krieg?

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Auf dem „Teknofest“ am 3. September: Erdogan signiert eine Kampfdrohne. Bild: via REUTERS

Der türkische Präsident erklärt die Feinde von einst zu Freunden, erhält heißes Geld und greift die Kurden an. So will er die Wahl doch noch gewinnen.

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          Es war am 3. September 2022, in der türkischen Hafenstadt Samsun am Schwarzen Meer. Erdoğan Schwiegersohn, der aller Welt bewaffnete Drohnen verkauft, hatte das Technologiefestival „Teknofest“ ausgerichtet. Dort verkündete der Präsident stolz: „Heute exportieren wir in Länder, die uns gestern keine Technologie für die Verteidigungsindustrie verkaufen wollten.“

          Erdoğans Stolz ist nicht unberechtigt. Zu den Waffen, die in etlichen Gefechtsgebieten einschließlich der Ukraine das Kräfteverhältnis verschoben, gehören die von seinem Schwiegersohn Selçuk Bayraktar produzierten Kampfdrohnen. Beim Teknofest wurden nicht nur die Produkte des Schwiegersohns ausgestellt, es gab auch einen Wettbewerb, bei dem junge Leute Projekte präsentierten. Erdogan, der in seiner Rede gesagt hatte: „Wir unterstützen die jungen Menschen, in deren Obhut wir unser Land geben werden, in jeder erdenklichen Weise“, überreichte den Gewinnern ihre Preise.

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          Zu den Ausgezeichneten gehörte der 20-jährige Softwareentwickler Can Cebeci. Allerdings bot der junge Mann seine im September gewonnene Goldmedaille zwei Monate später auf einer Versteigerungsplattform an. Sein verlegener Kommentar unter dem Foto der Anzeige lautete: „Ich gewann den ersten Preis, unser Staatspräsident verlieh mir die Medaille. Ich muss sie verkaufen, weil meine finanzielle Lage desaströs ist.“ Zu welchem Preis bot der junge Mann, der für ein Projekt zur Cybersicherheit prämiert wurde, die Medaille an? Für 1000 Lira, also rund 50 Euro.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die „Generation Teknofest“, die Erdoğan auf seinen Wahlkundgebungen anführt, hat nicht genug zu essen. Can Cebeci ist da nicht allein. Die fähigsten jungen Leute verlassen das Land. Laut Statistik des Verbands der Softwareunternehmer sahen sich 2021 mehr als dreißigtausend Softwareentwickler gezwungen, ins Ausland zu gehen. Dieses Jahr, so wird gefürchtet, werden es hunderttausend sein. Die Zahl der Asylanträge türkischer Staatsbürger in Deutschland beläuft sich in den ersten zehn Monaten dieses Jahres auf fast 16 .000, das ist eine Steigerung von 176 Prozent. Und Europa ist nicht das einzige Ziel junger Menschen.

          Von der Zoll- und Grenzschutzbehörde der USA veröffentlichte Zahlen belegen, dass in den letzten 18 Monaten an die 22 .000 Türken über die Grenze zu Mexiko in die USA einreisten und um Asyl baten. Angesichts der Lage der Wirtschaft verwundert das leider gar nicht. In den ersten zehn Monaten des Jahres machten in der Türkei 35 000 Firmen dicht. Die Jugendarbeitslosigkeit hat 36,6 Prozent erreicht. In Istanbul, wo die ökonomischen Möglichkeiten immer noch besser sind als in den anderen Städten, sagen 58 Prozent der Einwohner, sie schmälerten ihre Mahlzeiten, um auszukommen. Die bittere Realität spiegelt die Glücksstudie unter jungen Leuten wider: 96,3 Prozent der Befragten beantworteten die Frage, ob sie glücklich seien, mit Nein. Wichtiger noch: Die Frage: „Wird Ihre Situation sich im kommenden Jahr verbessern?“, verneinten 66,5 Prozent.

          Milliarden von ehemaligen Feinden

          Kann Erdoğan die in sieben Monaten anstehenden Wahlen gewinnen? Das oppositionelle Bündnis aus sechs Parteien bringt die Regierung in Bedrängnis, obwohl noch nicht einmal feststeht, welchen Kandidaten sie gegen Erdoğan ins Rennen schicken. Um sich fünf weitere Jahre im Palast zu sichern, kann Erdoğan zwei Dinge tun: Erstens die Wirtschaft auf Vordermann bringen. Gelingt ihm das nicht, kann er nationalistische Initiativen unternehmen. Mit dem Ziel, der ökonomischen Bredouille abzuhelfen, bemüht er sich, diplomatische Knoten zu lösen. So verweist er auf die Zeit nach der Wahl, wenn es um die Frage der NATO-Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands geht, und versucht damit zu verhindern, dass vom Westen ein negativer Schritt kommt. Und mit Staaten, die er zuvor offen zu Feinden erklärt hatte, strebt er Versöhnung an.

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