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Brief aus Istanbul : Selbst der Schatten ist bedenklich

  • -Aktualisiert am

Die vermeintliche Dienerin des Westens

Freitag: Am Dienstag erwähnte ich die Anzeige, mit der MHP-Chef Bahçeli Journalisten ins Fadenkreuz rückte. Dieser ultranationalistische Koalitionspartner Erdogans hatte vor den Wahlen den inhaftierten Mafiaboss Alaattin Çakici im Gefängnis besucht. Erst beorderte der Mafioso den Politiker zu sich, jetzt droht er einer Gruppe Journalisten auf Bahçelis Liste mit dem Tod. Daraufhin sehen sich zwei der betroffenen Journalisten gezwungen, ihre Tätigkeit vorläufig einzustellen. Inhaftierten Journalisten werden selbst Bücher und Zeitungen vorenthalten, doch ein Mafiaboss kann aus dem Gefängnis heraus einen Drohbrief schreiben, in einem solchen Land leben wir. Am selben Tag wird der CHP-Abgeordnete Eren Erdem als angeblicher Terrorist verhaftet, als mit Ende der Legislaturperiode auch seine Immunität endet.

Samstag: Die bekannte Bloggerin Pucca hatte vor ein paar Tagen in den sozialen Medien ein Foto von sich mit ihrem kleinen Sohn gepostet. Der Sohn heißt Bati, das bedeutet „Westen“. Ihr Kommentar zu dem Foto lautete: „Ich bin Batis Dienerin.“ Da der Tweet auch als „Ich bin Dienerin des Westens“ gelesen werden konnte, steht nun die Polizei bei Pucca vor der Tür. „Diener des Westens“ zu sein ist hierzulande offenbar ein gefährliches Verbrechen! Die Polizei durchsucht Puccas Wohnung nach Beweisen für ihre Verbindung zu einer terroristischen Vereinigung. Außer Babyfotos findet sie nichts.

Das System reagierte wie erwartet

Sonntag: Dank des staatlichen Zensurorgans RTÜK, der Regulierungsbehörde für Rundfunk und Fernsehen, zeigt das Fernsehen keine Kussszenen mehr. In neuen Produktionen sind Sex und Alkohol tabu. In älteren Filmen werden sogar Weingläser verpixelt. Ausländische Serien kommen mit seltsamer Untertitelung daher. Wir erlebten bereits, dass „Präservativ“ im Untertitel als „Schalldämpfer“ wiedergegeben wurde, um ja nicht von der Zensurbehörde bestraft zu werden. Am Sonntag nun legt das staatliche Fernsehen TRT die Latte in Sachen Zensur noch höher. In einem amerikanischen Film wird die Silhouette eines Frauenkörpers an der Wand verpixelt. In der neuen Türkei ist selbst der Schatten einer Frau bedenklich.

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Mit einer solchen Woche starteten wir in die neuen fünf Jahre Erdogan. Die große Mehrheit in der Türkei erfährt nichts davon. Es gibt kaum noch jemanden, der seinen Lesern solche Meldungen vorsetzen kann. Einer Studie der Oxford-Universität mit Reuters zufolge müssen alle Journalisten in der Türkei befürchten, verklagt zu werden, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen berichten. 94 Prozent von ihnen sind der Meinung, in der Türkei würden Menschenrechte häufig verletzt. Doch wenn es darum geht, darüber zu berichten, sind unsere Kollegen in Sorge, vor allem darüber, ihren Job zu verlieren. 97 Prozent der entlassenen Journalisten glauben, Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen würde ihre Chancen bei der Arbeitssuche beeinträchtigen.

Auch nur zu schreiben, man befürchte, verklagt zu werden, ist zu einer Straftat geworden. Kamil Tekin Sürek, Kolumnist bei der linksgerichteten Zeitung „Evrensel“, schrieb kürzlich: „Wenn Sie sich in faschistischen Diktaturen regierungskritisch äußern, wird Ihnen der Prozess gemacht, verlieren Sie ihren Job oder werden gar zum Terroristen erklärt.“ Das System reagierte wie erwartet: Erdogans Anwälte zeigten den Kolumnisten an, es wurde ein Verfahren wegen Beleidigung des Staatspräsidenten gegen ihn eröffnet.

Das treffendste Resümee dieser Tage lieferte der Schriftsteller Burhan Sönmez, dessen Romane auch ins Deutsche übersetzt sind. Nach der ersten Woche der neuen Türkei, wie ich Sie Ihnen oben geschildert habe, schrieb Sönmez: „Faschismus ist keine andere Welt wie im Film. Er ist genau das hier.“ So steht es um uns.

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