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Brief aus Istanbul : Schlagt den Ungläubigen den Kopf ab

  • -Aktualisiert am
Bülent Mumay

Doch nicht nur im Staatsfernsehen, sondern auch bei Privatsendern loyaler Unternehmer laufen Serien, die nationalistische Gefühle schüren. Bei jeder türkischen Militäroffensive jenseits der Grenzen bevölkern Soldaten oder Polizisten in Kampfanzügen die Kanäle zur Hauptsendezeit. Es handelt sich nicht allein um eine türkische Art von Rambo-Propaganda vor historischem Hintergrund, vielmehr werden Tatsachen verdreht oder zensiert. Von Abdülhamid II., dem osmanischen Sultan, der am meisten Land verlor, ist etwa der Satz zu hören: „Wir geben unser Leben her, aber keine Handbreit Land.“ Tatsächlich büßten die Osmanen während der dreiunddreißig Jahre währenden Herrschaft dieses Sultans in Tunesien, Ägypten, Zypern, Serbien, Montenegro und Rumänien 1.592.806 Quadratkilometer Land ein, so dass sie ihre Präsenz in Europa und Afrika verloren. In den osmanischen Palästen fehlte es nie an Spirituosen. Es gibt Sultane, die Lobhymnen auf den Wein verfassten. Der religiös verbrämte Nationalismus aber duldet kein alkoholisches Getränk, nicht einmal seine Erwähnung. Aufgrund des vom Zensurapparat der Regierung geschaffenen Klimas wird in Liedern, deren Texte vor tausend Jahren der berühmte iranische Dichter Omar Chayyam schrieb, sogar das Wort Wein ausgepiept.

Natürlich aus unserer Tasche

Im Land jener, die allen, die nicht sind wie sie, die Luft abschnüren, ist es schwierig, Künstler zu sein. Eine Filmschauspielerin wurde von einem regierungsnahen Sender entlassen, weil sie vor einigen Jahren in einem Interview gesagt hatte: „Ich würde gern die Mutter eines Guerrilla-Kämpfers spielen.“ Jetzt traut sich niemand mehr, sie zu beschäftigen. Insbesondere Figuren aus der populären Kulturszene reihen sich explizit auf Regierungsseite ein, um nicht zu den Gestrichenen zu gehören. Beim gemeinsamen Besuch mit Erdogan bei Grenzposten geben sie Lieder zur moralischen Unterstützung der Afrin-Offensive zum Besten.

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Jene, die mit Fernsehserien die Geschichte umschreiben, um die eigene Herrschaft zu verlängern, wollen auch keine kritischen Stimmen hören. Beziehungsweise hören lassen. Der Staatssender TRT brachte den Parteitag der AKP in einer achtstündigen Livesendung. Dem Kongress der Partei von Meral Akşener, die am meisten Chancen hat, Erdogan Stimmen abzujagen, wurde in der vergangenen Woche dagegen nicht eine Sekunde eingeräumt. Das mit unseren Steuergeldern finanzierte Staatsfernsehen lässt also niemanden, der nicht der Regierungspartei angehört, auf den Bildschirm.

Eine Nachricht der vergangenen Tage zeigte, dass es nicht allein das Staatsfernsehen ist, das, obwohl von uns allen finanziert, lediglich fünfzig Prozent des Landes abbildet. In einem meiner letzten Briefe hatte ich darüber berichtet, dass auch die letzte noch relativ freie Mainstream-Mediengruppe des Landes an einen regierungsnahen Unternehmer verkauft wurde. Was glauben Sie, woher der neue Chef, der Erdogan mit „Boss“ anredet, die siebenhundert Millionen Dollar für den Deal zur Übernahme der Mediengruppe bekommen will? Sie irren sich nicht, natürlich aus unserer Tasche. Es kam heraus, dass die größte staatliche Bank der Türkei, die Ziraat-Bank, das aus unser aller Steuern stammende Geld dem loyalen Geschäftsmann mit zehn Jahren Zahlungsziel bei zwei rückzahlungsfreien Jahren als Kredit gewährte – um mit unseren Steuergeldern Regierungspropaganda zu machen.

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