https://www.faz.net/-gqz-9h3hz

Brief aus Istanbul : Razzia in den Zwiebeldepots

  • -Aktualisiert am

Eigentlich sind Zwiebeln in der Türkei ein Synonym für „billig“, eine Metapher für Armut. Jetzt werden sie zum Symbol der Krise. Bild: Picture-Alliance

Früher wurden in der Türkei „gefährliche“ Bücher von der Regierung sichergestellt. Nun wird nach Nahrungsmitteln gefahndet, die so teuer und rar geworden sind. Wer ist daran bloß schuld?

          5 Min.

          Wer die Türkei kennt, wird mir recht geben: Die schönsten Monate sind hier Mai und September. Die Sonne strahlt, brennt aber nicht mehr, eine leichte Brise weht, macht aber nicht frösteln. Tagsüber läuft man mit einem dünnen Hemd herum, abends zieht man eine leichte Strickjacke über. Im November fangen wir dann an zu heizen. Vorher raucht der Schornstein bei uns selten. Im September 1980 aber war es anders. Nicht, dass eine für die Jahreszeit ungewohnte Kältewelle hereingebrochen wäre. Dennoch quoll ziemlich dunkler Rauch aus vielen Schornsteinen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
          Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

          In den Heizkesseln größerer Wohnblocks und den Öfen der Häuser in den ärmeren Vierteln brannte damals nicht Holz oder Kohle. Der Rauch stammte von Büchern, die man als „bedenklich“ aus den Regalen aussortiert hatte. Wer nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 eine Hausdurchsuchung befürchtete, verbrannte seine Bücher, die von den Soldaten womöglich als strafbar eingestuft werden könnten. Nicht ganz zu Unrecht. In diesem Land kamen Zigtausende wegen bei ihnen daheim sichergestellter Bücher hinter Gitter. Probleme verursachten nicht allein ideologische Werke in Übersetzung. Auch Klassiker konnten zur Verhaftung führen.

          Bülent Mumay

          Ich kam wenige Jahre vor dem damaligen Putsch zur Welt. Eine meiner ersten deutlichen Erinnerungen ist eine Diskussion zwischen meinem älteren Bruder und meinem Vater vor dem Ofen in jenen Septembertagen. Vorsorglich, damit mein Bruder nicht verhaftet werden würde, sortierte mein Vater Bücher aus, die er für „bedenklich“ hielt, und warf sie in den Ofen. Jedes Buch brachte meinen Bruder höher auf die Palme. Beim letzten Buch, das er den Flammen übergab, wurden sogar meinem Vater die Augen feucht. Es war ein Lyrikband von Bülent Ecevit, dem von den Putschisten festgenommenen vormaligen Premierminister. Mein Vater bewunderte ihn. Es schmerzte ihn sichtlich, ein Buch des Mannes zu verbrennen, dessen Namen er seinem Sohn gegeben hatte.

          Sie wurden fündig

          Überall, wo Bücher verbrannt wurden, gab es Szenen wie bei uns. Andere, die ihre „bedenklichen“ Bücher nicht verbrannten, erwarteten keine guten Zeiten. Wer bei den Razzien verhaftet wurde, fand sich unverzüglich in einem Terror-Prozess wieder. Tragischer noch: Die aus den Häusern geholten Bücher wurden auf einem Tisch bei der Polizei ausgestellt, die Besitzer der „verhafteten“ Werke reihte man mit dem Rücken zum Tisch ringsherum auf und stellte sie der Presse zur Schau. Im Schwarzweißkanal des damals einzigen Staatssenders wurden die Festnahmen mit folgendem klischeehaften Satz gemeldet: „Bei Razzien in Wohnungen und Arbeitsstellen von Militanten wurden zahlreiche Schriftstücke einer Vereinigung sichergestellt.“

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          So hießen die vom Staat missbilligten Bücher im offiziellen Polizeijargon: „Schriftstücke einer Vereinigung“. Bei all diesen Razzien kam das Verb „sicherstellen“ zum Einsatz, wörtlich: „in die Hände bekommen“. Seither sind 38 Jahre vergangen. Heute regiert keine Militärjunta die Türkei, sondern eine zivile Regierung. Dennoch gibt es auch heute Razzien und „Sicherstellungen“. Geändert aber hat sich Folgendes: Es werden nicht länger „Schriftstücke einer Vereinigung“ sichergestellt, sondern Zwiebeln. Sie haben sich nicht verlesen: Zwiebeln. Das scharfe Gemüse, das Ihnen beim Schneiden Tränen in die Augen treibt. Dieser Tage führt die AKP-Regierung der Reihe nach Razzien in Zwiebellagerhäusern durch. Dabei stellt sie naturgemäß tonnenweise Zwiebeln „sicher“.

          Ein Symbol der Krise

          Ich weiß, das klingt sonderbar. Lassen Sie es mich erklären. Die Türkei kämpft seit den Juni-Wahlen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Regierung wusste, dass eine Krise bevorstand, also zog sie die Wahlen vor, um zu verhindern, dass die Krise sich auf das Wählerverhalten auswirkte. Der erwartete Abschwung traf gleich nach den Wahlen dann alle Kreise im Land. Devisenkurse gingen durch die Decke, die Industrieproduktion geriet ins Stottern, die Arbeitslosigkeit stieg an, in allen Bereichen explodierten die Preise. Nach offiziellen Angaben kletterte die Inflation auf 25 Prozent, die Zahlen in den Geschäften aber zeigen, dass sich die Preise für Produkte des Grundbedarfs verdoppelt haben. Besonders eklatant fiel die Preissteigerung bei Zwiebeln aus. Zu Jahresbeginn legten wir eine Lira für ein Kilo Zwiebeln hin, jetzt sind es fünf. Zwiebeln sind normalerweise ein Synonym für „billig“. Eine Metapher für Armut. „Mit Brot und Zwiebeln aufwachsen“ lautet eine Redewendung bei uns. In einem Volkslied heißt es: „Jetzt ist der Held auf Zwiebeln angewiesen.“ Mehr brauche ich dazu gar nicht zu sagen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hassfigur von Verschwörungstheoretikern: Microsoft-Gründer Bill Gates

          Bill Gates : Die Hassfigur

          In der Anfangszeit wurde Bill Gates als Held der Corona-Krise gefeiert. Dann kam der Mob: Jetzt findet sich der Milliardär inmitten von Verschwörungstheorien wieder. Die Anschuldigungen sind abenteuerlich.
          Bei „Anne Will“ diskutierten die Studiogäste über eine hochspannende Frage: Wie sollen die milliardenschweren Finanzspritzen investiert werden?

          TV-Kritik „Anne Will“ : Wohin mit dem ganzen Geld?

          Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, ob die Milliarden gegen die Corona-Krise richtig investiert werden. Hätte sie in der Sendung ein Phrasenschwein aufgestellt – die Rettungspakete wären gegenfinanziert.
          Vorsichtiger Spaß: In der Kita in Westerburg gelten auch Corona-Vorschriften.

          Kitas öffnen wieder : Betreuter Ausnahmezustand

          Langsam öffnen die Kitas wieder. Kinder und Eltern haben das herbeigesehnt. Doch wie soll das praktisch funktionieren? Vielerorts ist man verärgert über die politischen Vorgaben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.