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Brief aus Istanbul : Pressefreiheit könnte Leben retten

  • -Aktualisiert am

Ende August 1999 zerstörte ein Erdbeben die Moschee in Sakarya Bild: dpa

Drohende Erdbeben, krebserregende Substanzen – der türkischen Bevölkerung werden gezielt Informationen vorenthalten. Offenbar betrachtet man es im Präsidentenpalast als Verbrechen, die Bevölkerung vor dem Tod bewahren zu wollen.

          4 Min.

          Vor genau zwanzig Jahren erlebte die Türkei eine der schlimmsten Katastrophen ihrer jüngeren Geschichte. In den ersten Stunden des 17. August 1999 wurde das Land von einem Erdbeben der Stärke 7,4 erschüttert. Das Epizentrum lag damals in Kocaeli, rund hundert Kilometer von Istanbul entfernt. Das 45 Sekunden lange Beben traf nicht allein Kocaeli, das Herz der türkischen Industrie. Die Erde bebte damals in zahlreichen Orten im Westen der Türkei, besonders auch Istanbul. Nach offiziellen Angaben kamen damals 17.000 Menschen ums Leben, und die Wirtschaft erlitt einen Schaden von mehreren Milliarden Euro.

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          Die Katastrophe ließ eine bittere Tatsache zutage treten. In der am höchsten entwickelten Region des Landes waren weder der Staat noch die Bürger auf ein Erdbeben vorbereitet, obwohl alle wussten, dass wir in einem Erdbebengürtel leben. Städtebau ohne Plan, irreguläres Bauen und das Versäumnis des Staates, die notwendigen Kontrollen durchzuführen, setzten noch eins drauf. Wie auch die Profitgier der Bauunternehmer. Die Muscheln in den Trümmern bewiesen, dass völlig ungeeigneter Sand aus dem Meer verbaut worden war, um Geld zu sparen.

          Bülent Mumay

          Nachdem Gebäude und Wirtschaft eingestürzt waren, fiel es dem Land schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Natürlich kam Hilfe aus aller Welt. Doch die Wunden der Katastrophe zu heilen war in der Hauptsache Aufgabe der Türkei. Als erste Maßnahme änderte die damalige Koalitionsregierung die Bauvorschriften, um mehr Sicherheit für Neubauten zu garantieren. Schulen und Krankenhäuser sollten stabilisiert werden und mehrere hundert Sammelstellen wurden ausgewiesen, wo Bürger sich nach einem Erdbeben in Sicherheit aufhalten konnten.

          Es brauchte ein beträchtliches Budget, um die Trümmer zu räumen und die Türkei gegen erwartete künftige Erdbeben resistenter zu machen. Denn bei dem Beben vom August 1999 handelte es sich nicht bloß um eine Katastrophe, die Zerstörung gebracht hatte und damit vorüber war. Es kündete auch von einem größeren Erdbeben, das für Istanbul erwartet wurde. Allein die Vorstellung, welche Zerstörungen ein ähnlich starkes Beben in dem Häusermeer Istanbul mit seinen siebzehn Millionen Einwohnern anrichten könnte, war fürchterlich.

          Die Tragödie änderte nichts

          So beließ die damalige Regierung es auch nicht bei der Modifizierung der Bauvorschriften. Sie führte zudem in zahlreichen Konsumbereichen eine Erdbebensteuer ein, die die ohnehin unter enormen indirekten Steuern leidenden Bürger weiter belastete. Von Internetabo bis zu Bankgeschäften, von Lotto bis zu Flugtickets wurde alles Mögliche mit der Erdbebensteuer belegt. Die dafür verantwortliche Regierung wurde auch aufgrund der Wirtschaftskrise, zu der die Naturkatastrophe beigetragen hatte, drei Jahre später in den Urnen versenkt. Aus den Wahlen 2002 ging die AKP unter Erdogans Führung als Siegerin hervor.

          Nach dem Erdbeben von 1999 zahlten wir in den letzten zwanzig Jahren umgerechnet etwa 10,7 Milliarden Euro an Erdbebensteuer. Wir hatten erwartet, dass die Städte, in denen wir leben, die Schulen, in die wir unsere Kinder schicken, die Brücken, über die wir fahren, die Häuser, in denen wir wohnen, mit diesem Geld sicherer gemacht würden.

          Dass die Tragödie von 1999 und die Steuern, die wir seit zwanzig Jahren zahlen, praktisch nichts geändert haben, mussten wir letzte Woche erleben, als in Istanbul die Erde bebte. Glücklicherweise handelte es sich nicht um ein Beben in der erwarteten Stärke über 7. Doch selbst die Erschütterung der Stärke von 5,8 zeigte, dass das Schreckensszenario gar nicht weit entfernt ist. In einem Land, das seiner seismischen Gefährdung entsprechend vorbereitet ist, hätte sich ein solches Beben kaum auf den Alltag ausgewirkt, in Istanbul brachte es das Leben zum Stillstand. Zum Glück gab es keine Toten. Allerdings kam es zu Schäden an einer Vielzahl von Wohnhäusern und Schulgebäuden. An zwei Moscheen stürzten Minarette ein. Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie Gebäude, die bereits bei einer Stärke von 5,8 derart betroffen sind, aussehen würden, wenn das erwartete große Beben eintrifft.

          Erdbebenschäden am Minarett der Zentralmoschee im Stadtteil Avcılar am 26. September

          Nach dem Erdbeben von 1999 waren Sammelstellen ausgewiesen worden. Hier sollten Nachbeben abgewartet und Zelte als Notunterkünfte aufgestellt werden. Bei dem kleineren Beben letzte Woche aber stellte sich heraus, dass diese Freiflächen inzwischen der Vergangenheit angehören. Wer aus dem Haus geht und den Wegweisern zu sicheren Flächen folgt, findet auf dem ausgewiesenen Platz entweder ein Einkaufszentrum oder neugebaute Wohnblocks vor. Die sicheren Plätze wurden der Reihe nach zur Bebauung freigegeben und der Baubranche zur Verfügung gestellt, dem von der Erdogan-Regierung dominierten Sektor. Es überrascht nicht besonders, dass jene, die Maßnahmen zur Erdbebensicherheit treffen sollten, diese vor allem genutzt haben, um sich die Taschen zu füllen. Es ist auch keine Überraschung, dass die Öffentlichkeit davon erst jetzt anlässlich des jüngsten Erdbebens erfuhr. Denn Journalisten, die diese und andere Tatsachen und Unterlassungen öffentlich machten, wurden mit Haft- oder Geldstrafen zum Schweigen gebracht. Ex-Bürgermeister Kadir Topbas, der für Erdogans Partei jahrelang Istanbul regierte, gab die Erdbebensammelstellen im Zentrum von Istanbul zunächst zur Bebauung frei und übertrug sie dann seinem Schwiegersohn, einem Bauunternehmer. Die Journalistin Çigdem Toker, die diesen Skandal ans Licht brachte, ist mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von einer Million Lira (rund 160.000 Euro) konfrontiert. Dass ein anderer Sammelplatz in Istanbul einer islamistischen Stiftung unter Leitung eines Erdogan-Sohns überschrieben wurde, erfuhr – aufgrund des auf die Presse ausgeübten Drucks – leider kaum jemand.

          Das Bestreben, den Bürgern Tatsachen vorzuenthalten, beschränkt sich nicht auf Nachrichten rund um Erdbeben. So wurde kürzlich der Wissenschaftler Bülent Sik zu fünfzehn Monaten Haft verurteilt. Er hatte für eine Zeitung über einen vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen, dann aber zurückgehaltenen Bericht über Krebserkrankungen berichtet. Sein Verbrechen bestand darin, der Öffentlichkeit mitgeteilt zu haben, welche Produkte krebserregende Stoffe beinhalten. Offenbar betrachtet man es im Präsidentenpalast als Verbrechen, die Bevölkerung vor dem Krebstod bewahren zu wollen. Ebenso hält man es dort ja auch mit jenen, die die Bevölkerung vor Erdbeben schützen wollen. Auf der ganzen Welt rettet frühzeitige Diagnose Leben. In der Türkei dagegen wird, falls wir das je erleben sollten, nur eine freie Presse den Bürgern das Leben retten.

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