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Brief aus Istanbul : Pressefreiheit könnte Leben retten

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Dass die Tragödie von 1999 und die Steuern, die wir seit zwanzig Jahren zahlen, praktisch nichts geändert haben, mussten wir letzte Woche erleben, als in Istanbul die Erde bebte. Glücklicherweise handelte es sich nicht um ein Beben in der erwarteten Stärke über 7. Doch selbst die Erschütterung der Stärke von 5,8 zeigte, dass das Schreckensszenario gar nicht weit entfernt ist. In einem Land, das seiner seismischen Gefährdung entsprechend vorbereitet ist, hätte sich ein solches Beben kaum auf den Alltag ausgewirkt, in Istanbul brachte es das Leben zum Stillstand. Zum Glück gab es keine Toten. Allerdings kam es zu Schäden an einer Vielzahl von Wohnhäusern und Schulgebäuden. An zwei Moscheen stürzten Minarette ein. Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie Gebäude, die bereits bei einer Stärke von 5,8 derart betroffen sind, aussehen würden, wenn das erwartete große Beben eintrifft.

Erdbebenschäden am Minarett der Zentralmoschee im Stadtteil Avcılar am 26. September

Nach dem Erdbeben von 1999 waren Sammelstellen ausgewiesen worden. Hier sollten Nachbeben abgewartet und Zelte als Notunterkünfte aufgestellt werden. Bei dem kleineren Beben letzte Woche aber stellte sich heraus, dass diese Freiflächen inzwischen der Vergangenheit angehören. Wer aus dem Haus geht und den Wegweisern zu sicheren Flächen folgt, findet auf dem ausgewiesenen Platz entweder ein Einkaufszentrum oder neugebaute Wohnblocks vor. Die sicheren Plätze wurden der Reihe nach zur Bebauung freigegeben und der Baubranche zur Verfügung gestellt, dem von der Erdogan-Regierung dominierten Sektor. Es überrascht nicht besonders, dass jene, die Maßnahmen zur Erdbebensicherheit treffen sollten, diese vor allem genutzt haben, um sich die Taschen zu füllen. Es ist auch keine Überraschung, dass die Öffentlichkeit davon erst jetzt anlässlich des jüngsten Erdbebens erfuhr. Denn Journalisten, die diese und andere Tatsachen und Unterlassungen öffentlich machten, wurden mit Haft- oder Geldstrafen zum Schweigen gebracht. Ex-Bürgermeister Kadir Topbas, der für Erdogans Partei jahrelang Istanbul regierte, gab die Erdbebensammelstellen im Zentrum von Istanbul zunächst zur Bebauung frei und übertrug sie dann seinem Schwiegersohn, einem Bauunternehmer. Die Journalistin Çigdem Toker, die diesen Skandal ans Licht brachte, ist mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von einer Million Lira (rund 160.000 Euro) konfrontiert. Dass ein anderer Sammelplatz in Istanbul einer islamistischen Stiftung unter Leitung eines Erdogan-Sohns überschrieben wurde, erfuhr – aufgrund des auf die Presse ausgeübten Drucks – leider kaum jemand.

Das Bestreben, den Bürgern Tatsachen vorzuenthalten, beschränkt sich nicht auf Nachrichten rund um Erdbeben. So wurde kürzlich der Wissenschaftler Bülent Sik zu fünfzehn Monaten Haft verurteilt. Er hatte für eine Zeitung über einen vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen, dann aber zurückgehaltenen Bericht über Krebserkrankungen berichtet. Sein Verbrechen bestand darin, der Öffentlichkeit mitgeteilt zu haben, welche Produkte krebserregende Stoffe beinhalten. Offenbar betrachtet man es im Präsidentenpalast als Verbrechen, die Bevölkerung vor dem Krebstod bewahren zu wollen. Ebenso hält man es dort ja auch mit jenen, die die Bevölkerung vor Erdbeben schützen wollen. Auf der ganzen Welt rettet frühzeitige Diagnose Leben. In der Türkei dagegen wird, falls wir das je erleben sollten, nur eine freie Presse den Bürgern das Leben retten.

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