https://www.faz.net/-gqz-8lc3k

Brief aus Istanbul : Nachrichten aus dem Paralleluniversum Türkei

  • -Aktualisiert am

Für immer Sommerzeit: Die Türkei ist eine Stunde vom Westen abgerückt. Bild: dpa

Erdogans Ausnahmezustand stiftet Chaos. Es herrscht Willkür, und die Wahrheit verschwindet. Doch es gibt Wörter, die diesen Vorgang verdecken, zum Beispiel: „parallel“. Warum?

          In jeder Sprache gibt es stille Wörter. Wörter, die wir jahrhundertelang verwendet haben, die aber still wurden, als sie in einem schmalen Spalt der Geschichte eine andere Konnotation erhielten. Mitunter büßen solche Wörter auch nach einer persönlichen oder gesellschaftlichen Schande, einer Narretei, einer Scham oder nach großer Trauer ihre Stimme ein.

          Es ist, als führe man plötzlich über eine andere Route heim. Man weiß, dass diese Wörter da sind, man vermisst sie. Sie sind kürzer, leichter, praktischer. Doch man tut so, als existierten sie gar nicht, wenn man sie nicht sieht, ausspricht oder hört. Wie in einer türkischen Redewendung: „Sieht das Auge nicht, findet sich das Herz ab“ – mit ihrer Abwesenheit.

          Das Wort „parallel“ ist ein Vorwand

          Das Wort, das seit einigen Jahren sowohl Narretei wie Scham und Schande in sich trägt, lautet: „parallel“. Ein Wort, das die Türkei in den düsteren 15. Juli und die anschließende Hexenjagd stürzte und mit dem, was vorher und nachher geschah, ein paar Jahrhunderte zurückwarf. Das Wort an sich ist unschuldig. Wie unschuldig es ist, lesen Sie aus den Zeilen von Ümit Yasar Oguzcan, der wunderschöne Liebesgedichte schrieb: „Du parallel zu mir / Ich parallel zu dir / Parallel parallel.“

          Heute bleibt diesem Wort kaum noch etwas von seiner Ausstrahlung der neunzehnhundertsiebziger Jahre. Für alle möglichen Übel wurde es Quelle oder Vorwand. Es begann 2013 mit dem Bruch der inoffiziellen Erdogan-Gülen-Koalition, die das Land lange gelenkt hatte. Wegen der beiden Islamisten, wir wissen bis heute nicht genau, woran sich ihr Streit entzündete, ging das Land in Flammen auf.

          Die „Parallelstruktur“ der Gülen-Bewegung

          Der in den Vereinigten Staaten lebende Sektenführer Gülen zündete mittels der Polizisten und Staatsanwälte, die er mit Erdogans Zustimmung im Staat positioniert hatte, die Lunte zu einer gegen seinen langjährigen Weggefährten Erdogan gerichteten Korruptionsermittlung. Als der Konflikt eskalierte, führte Erdogan seine Waffen ins Feld. An dieser Stelle benötigte er einen zum Verteufeln geeigneten Begriff: die „Parallelstruktur“.

          Erdogan verkündete, die Gülen-Bewegung, ehemals sein Partner, habe einen „Staat im Staate“ geschaffen, und dem erkläre er nun den Kampf. Seither ist „parallel“ entweder der Grund für alles Übel, inklusive des Putschversuches, oder seine Folge. Tag für Tag erklärt unser Staat, die auch „Parallele“ genannten Gülen-Anhänger steckten hinter einer weiteren bösen Tat.

          Die Bewegung unter Fethullah Gülen: „Ein Staat im Staate?“

          Selbst wenn einmal nicht die „Parallelstruktur“ verantwortlich ist, werden wir Zeugen neuer Scheußlichkeiten, die sich der Staat im Namen des Kampfes gegen die „Parallelen“ ausdenkt. Wie beim Coup vom 15. Juli: Was uns erwartet hätte, wenn der Umsturzversuch der „Parallelen“ von Erfolg gekrönt gewesen wäre, bekommen wir nun zu spüren, obwohl der Coup vereitelt wurde. Wir leben in so etwas wie einem Paralleluniversum.

          Demokratie im Ausnahmezustand

          19. Januar 2007, 15 Uhr. Der anatolisch-armenische Journalist Hrant Dink, einst Zögling eines Istanbuler Waisenhauses, wurde vor dem Gebäude der Zeitung, die er gegründet hatte, ermordet. Den neunzehnjährigen Attentäter Ogün Samast machte die Polizei wenige Tage darauf ausfindig. Wer damals mutmaßte, hinter dem Mord stecke der Staat, wurde zum Vaterlandsverräter erklärt. Das ist beinahe zehn Jahre her, die Hintermänner konnten nicht dingfest gemacht werden. Bis nun die „parallele Säuberung“ einsetzte. Ganz plötzlich serviert uns der Staat ein Video. Die von regierungsnahen Sendern gezeigten Aufnahmen lösen Scham, Wut und Schlimmeres aus. Das Video stammt von dem Polizeirevier, auf das der Mörder nach seiner Festnahme gebracht wurde, ein Polizist umarmt ihn und sagt: „Du bist mein Held, Ogün, bravo! Und jetzt schön posieren, am besten mit einem Lachen.“ Die Polizisten auf dem Video sind heute als Mitglieder der „Parallelstruktur“ in Haft oder zur Fahndung ausgeschrieben.

          Jene, die all die Jahre hindurch den Staat hinter diesem Mord vermuteten, sind nun nicht stolz darauf, recht behalten zu haben, vielmehr haben wiederum sie Bestrafung vom Staat zu erleiden. Der Ausnahmezustand, offiziell verhängt als Anti-Putsch-Maßnahme, lässt alle, die nach Demokratie rufen, nicht unberührt. 50 000 Menschen, darunter Universitätsdozenten, wurden unter dem Vorwurf, Mitglied der „Parallelstruktur“ zu sein, aus dem Staatsdienst entlassen.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer

          Kritik an AKK : „Eine Zumutung für die Truppe“

          Aus der Opposition gibt es heftige Kritik an der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin. Kanzlerin und Union würden die „gebeutelte Bundeswehr“ für Personalspielchen missbrauchen, beklagt die FDP.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.