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Brief aus Istanbul : Muftis Kinder, Bankers Vieh geraten selten oder nie

  • -Aktualisiert am

Lira gegen Dollar: Geldzählen in einer Wechselstube in Istanbul Bild: Picture-Alliance

Die Türkei wähnt sich politisch und wirtschaftlich in der Weltspitze, dabei ist sie nur in betrügerischem Nationalismus führend. Der Vorstandsvorsitzende einer neuen Bank beherrschte dieses Spiel meisterhaft.

          Die Türkei wurde in den vergangenen Jahren dem Nationalismus in die Arme getrieben – so ist es bei allen in die Isolierung geratenen autoritären Regimes. Xenophobie wird zur vorherrschenden Sprache, das verdanken wir der Regierung. Alles Mögliche wird mit dem Attribut „einheimisch und national“ versehen; und wer außerhalb dieses Diskurses steht, wird aufs Korn genommen, als wäre er gegen die Einheit des Landes. Bei den Verteufelten handelt es sich bald um die Opposition gegen Erdogan, bald um zivilgesellschaftliche Einrichtungen, die sich gegen die Regierungspolitik stellen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Es ist zur systematischen Praxis von Regierung wie deren Propagandamedien geworden, hinter allem Ungemach den Finger des Auslands zu suchen. Der Westen wird als Hort des Übels definiert, wo man uns beneidet und eine Grube nach der anderen gräbt. Der Staatspräsident behauptet, Europa beneide die Türkei um die neue Brücke über den Bosporus und den neuen Tunnel mit U-Bahnlinie darunter. Und laut regierungsnaher Presse kann es Deutschland nicht verdauen, dass Istanbul derzeit seinen dritten Flughafen baut.

          Zwischen Schwiegersohn und Schwiegersohn

          Dieser Diskurs wirkt sich auf alle Kreise aus. Jede Kritik aus dem Westen wird reflexartig pariert: „Die Kreuzritter sind in Aktion.“ In der Führung ist man nicht bereit, Ungehorsam zu dulden. Selbst Expräsident Abdullah Gül, der einst gemeinsam mit Erdogan die AKP gründete, wird, da er in jüngerer Zeit etwas auf Distanz ging, als „Mann der Queen“ diskriminiert. Die Regierung, die alle, die nicht „einheimisch und national“ sind, nachgerade zu Feinden erklärt, beruft sich gern auf die Geschichte. Allerdings nicht auf Atatürk, den Gründer der modernen Republik. Um die Macht der AKP zu verlängern, wird die osmanische Geschichte, die einst im Zusammenbruch endete, neu geschrieben. Im staatlichen Fernsehen laufen Serien zum Ruhm der Osmanen rauf und runter. Wobei das Szenario selbstverständlich deformiert ist. Erst vor wenigen Wochen warnte ein AKP-Abgeordneter den Westen: „Die Angst vor den Osmanen hat die Vereinigten Staaten und Europa gepackt. Mit Allahs Erlaubnis wird Europa muslimisch werden.“ Die Regierung versucht, sich anhand der Geschichte mit einem neoosmanischen Panzer zu umgeben und alles in der Wirtschaft ins „Einheimische und Nationale“ zu ziehen. Die türkische Post kündigt an, ein „einheimisches und nationales“ Whatsapp aufzubauen. Selbst die Pressebulletins des Privatsektors strotzen vor lauter „einheimischen und nationalen“ Betonungen. Der größte Fruchtsaftproduzent der Türkei sah sich zu der Erklärung gezwungen: „Wir verwenden einheimische Apfelsinen.“ Um die Abhängigkeit vom Ausland zu vermindern, legt die Verteidigungsindustrie ständig neue „einheimische und nationale“ Projekte auf. Darunter sind zwar auch abgedrehte Projekte wie „einheimische und nationale“ Kampfjets und Flugzeugträger; aber im Bereich Panzerfahrzeuge, einfache Raketensysteme und elektronische Kommunikation ist die Türkei enorm vorangekommen. Insbesondere in Afrin spielten die in der Türkei hergestellten Drohnen eine große Rolle. Mit ihren Luftangriffen ebneten sie den Weg für die türkischen Einheiten, die mit Leopard-Panzern deutscher Herkunft in Syrien vordrangen.

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